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Saarländischer Weltenbummler
Wie sich auf 2100 Metern Höhe ein neuer Horizont auftut

Im Herzen des Vanoise-Nationalparks, etwa 200 Kilometer östlich von Lyon, lebt und arbeitet Björn Gottschall mit seiner Familie auf 2120 Metern Höhe. „Das bringt uns im Sommer ganz gute Einnahmen. Ich konnte mich acht Monate lang auf die Musik konzentrieren und das Album produzieren“, sagt er.
Im Herzen des Vanoise-Nationalparks, etwa 200 Kilometer östlich von Lyon, lebt und arbeitet Björn Gottschall mit seiner Familie auf 2120 Metern Höhe. „Das bringt uns im Sommer ganz gute Einnahmen. Ich konnte mich acht Monate lang auf die Musik konzentrieren und das Album produzieren“, sagt er. FOTO: Clara Massin
Saarbrücken. Er hat in Japan, Israel und Spanien gelebt und ist mit seinem Projekt „Schwenk around the world“ um die Welt gezogen. Jetzt hat der 34-jährige Saarbrücker Björn Gottschall sein erstes Musikalbum eingespielt – ein Porträt. Von Sebastian Zenner

Der saarländische Weltenbummler Björn Gottschall lebte schon in Spanien, Israel und Japan. Mal jobbte er, mal lebte er von Ersparnissen, mal verkaufte er sein Auto, um über die Runden zu kommen. Mit „Schwenk around the world“ initiierte er auch schon ein Projekt, das die saarländischste aller Traditionen, das Schwenken, in die weite Welt transportiert. „Von Kloputzen bis zur Schaustellerei“ habe er schon fast alle Arbeiten verrichtet. Vor kurzem hat sich der 34-jährige Saarbrücker einen Traum erfüllt und sein erstes eigenes Musikalbum veröffentlicht: das neoklassische Werk „Marche sur la lune“ (deutsch: Spaziergang auf dem Mond).

Seit er sechs Jahre alt ist, spielt Björn Gottschall Klavier. Im klassischen Klavierunterricht hielt es der Autodidakt allerdings nur zwei Monate lang aus: „Ich konnte schon immer Lieder und Melodien direkt nachspielen“, erklärt er, „Die komplexe Grammatik und Physik hinter der Musik finde ich superspannend.“

Nach dem Abi 2003 ging es für ihn endlich in die weite Welt. Nach einiger Zeit als Straßenmusiker in Berlin und Paris zog es ihn zusammen mit seinem Kumpel Florian Jung, einem saarländischen Profi-Surfer, nach Spanien. Mit dem ersten eigenen Bus, im dem Gottschall ein halbes Jahr lang lebte. Wie es sich für einen Saarländer gehört, traf er dort einen früheren Bekannten, der eine Werbeagentur besaß und ihn einstellte. Die Liebe lockte ihn zurück nach Deutschland, wo er Grafikdesign studierte. Ein Erasmus-Stipendium brachte ihn für ein Jahr nach Tokio zu einer großen Werbeagentur. „Das war total abgefahren – auch musikalisch. Dort hat sich mir ein völlig neuer Horizont geöffnet“, erinnert sich der 34-Jährige.



Zurück in Saarbrücken lernte er nicht nur seine Freundin Clara kennen, sondern auch etwas Entscheidendes über sich selbst: „Diese Werbesache ist nichts für mich. Ich brauchte etwas mit mehr Leidenschaft. Oder wenigstens etwas, das kein falsches Bedürfnis bei Leuten erzeugt.“ Dafür zog es ihn mit Clara nach Südfrankreich. Gottschall spricht fließend deutsch, englisch und französisch und schaute sich in Toulon nach einem Job in einem Hotel oder Hostel um. „Ich habe keins gefunden. Also haben wir selbst eins eröffnet“, erklärt er. Seine erste Amtshandlung: ein Klavier im Eingangsbereich platzieren, um jeden Tag darauf spielen zu können.

 Aus der Rezeption wurde ein Ort der Reflexion. Musiker aus der Umgebung machten das „Chicag‘ Hostel“ in nächtelangen Jam-Sessions zum Mittelpunkt einer jungen Kulturszene. Stammgäste überredeten ihn, beim Jazz-Konservatorium in Toulon vorzuspielen. Er tat es und wurde ohne Nachweise einer musikalischen Vorbildung angenommen. Nach einem Jahr stellte er allerdings erneut fest, „dass Musikschulen für mich einfach nichts sind.“

Wenig später musste das Paar die Herberge schließen. Wieder kam es zu einem Ortswechsel. Wieder stand Gottschall vorerst ohne Klavier da. Mit der nun schwangeren Clara ging es zurück nach Berlin, wo er die junge Familie wieder mit unterschiedlichen Jobs und Straßenmusik über Wasser hielt. Doch: „Der Drang, nur noch Musik zu machen, wurde immer stärker“, erinnert er sich. Ein neues Projekt musste her. So wurde Gottschall 2016 zum Herbergsvater in den französischen Alpen. Im Herzen des Vanoise-Nationalparks, etwa 200 Kilometer östlich von Lyon, lebt und arbeitet er mit seiner Familie auf 2120 Metern Höhe.

„Das bringt uns im Sommer ganz gute Einnahmen. Ich konnte mich acht Monate lang auf die Musik konzentrieren und das Album produzieren“, erklärt der Weltenbummler, der den Rest des Jahres mit Freundin Clara und den beiden gemeinsamen Kindern im 1000 Kilometer südwestlich gelegenen Biarritz an der Atlantikküste lebt. Sein Piano nimmt er mittlerweile in einem kleinen Bus mit auf Reisen. Oder besser: Auf die Suche: „Ich suche immer schon nach der Melodie, bei der die Leute beim Zuhören sagen: Wow, da tut sich was in meinem Herzen“, sagt Gottschall und ergänzt: „Ich will mit Tönen malen und Geschichten erzählen, die nicht aus einer realen Welt stammen.“

Das Ergebnis ist ein in der Grundstimmung melancholisches und nachdenkliches, aber trotzdem leichtes Werk. Die Zuhörer werden in allen sechs Stücken durch zarte Harmonien geführt, die bei jedem Hören eine neue Geschichte erzählen. „Marche sur la lune“ hat seine Wurzeln in der Klassik, ist aber unverkennbar eine Geburt unserer Zeit. Und klingt ein bisschen nach Chilly Gonzales oder Yann Tiersen. Erhältlich ist das in Eigenproduktion entstandene und ohne Label vermarktete Album auf Gottschalls Internetseite und auf allen gängigen Musik-Plattformen wie Spotify, Deezer, Itunes usw.