| 20:18 Uhr

Neu im Kino: Widows
„Widows“: Frauenpower ganz ohne Klischees

Kämpfen statt trauern: Michelle Rodriguez und Elizabeth Debicki spielen zwei der drei tödlichen Witwen.
Kämpfen statt trauern: Michelle Rodriguez und Elizabeth Debicki spielen zwei der drei tödlichen Witwen. FOTO: Verleiher / Diverse
„Widows“ von Steve Mc Queen begeistert als filmisches Meisterwerk der Me-Too-Ära. Von Martin Schwickert

In seinen ersten drei Filmen hat Steve McQueen („12 Years a Slave“) unbequeme Themen wie Hungerstreik, Sexsucht oder Sklaverei mit ungewöhnlicher und höchst analytischer Direktheit angesteuert. Im Vergleich dazu sieht sein neuer Film „Widows“ zunächst wie ein Zugeständnis an den Mainstream aus. Im Kostüm eines Heist Movies erzählen McQueen und seine Co-Drehbuchautorin Gillian Flynn („Gone Baby“) von vier Frauen, die in einen Coup hinein gezwungen werden, nachdem ihre Ehegatten im kriminellen Einsatz umgekommen sind.

Der Film beginn mit viel Leidenschaft und halsbrecherischer Action. Die begnadete Viola Davis spielt Victoria, deren Mann Harry (Liam Neeson) über Jahrzehnte höchst erfolgreich Überfälle organisiert und durchführte, bis er und seine Komplizen in einen Polizeihinterhalt gerieten. Für die tief empfundene Trauer bleibt der Witwe wenig Zeit. Der zum Politiker aufgestiegene Ganove Jamal Manning (Brian Tyree Henry) steht vor der Tür und fordert die Wahlkampf-Millionen zurück, die Harry von ihm gestohlen hat.

Victoria ruft die beiden anderen Witwen Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elisabeth Debicki) zusammen, die sich nach dem Tod ihrer Männer ebenfalls in finanziellen Nöten befinden. Mit den beiden will sie nach dem Plan ihres verstorbenen Mannes den Tresor des Lokalpolitikers Jack Mulligan (Colin Farrell) ausrauben.



Auf den ersten Blick erscheint „Widows“ wie der Film, der „Oceans 8“ hätte sein sollen. Aber zwischen den Genre-Konventionen verbirgt sich ein radikaler Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die von männlichem Zynismus geprägt sind. Weit und breit gibt es nicht eine männliche Figur, die irgendeine Art von moralischem Kompass in sich trägt. Die Witwen arbeiten sich gemeinsam aus ihrer Opferrolle heraus und unterminieren das selbstverliebte, patriarchale Establishment. Dabei kommt der Film ohne gefällige Frauenpower-Klischees aus. Stattdessen setzt McQueen auf die vielschichtige Zeichnung seiner weiblichen Heldinnen, die fest in der sozialen Realität verankert sind. „Widows“ hat gute Chancen als erstes Werk der Me-Too-Ära in die Geschichte einzugehen –- und er macht Lust auf mehr Filme, die den feministischen Perspektivwechsel und einen kompromisslosen Blick in die Welt wagen.

USA/GB 2018, 130 Minuten; Regie: Steve McQueen; Buch: McQueen, Gillian Flynn; Musik: Hans Zimmer; Darsteller: Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki, Cynthia Erivo, Colin Farrell.