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Barack Obama empfiehlt dieses Buch
Wenn Power-Frauen den Spieß umdrehen

HANDOUT - Undatiert: Cover des Buches «Die Gabe» von der britischen Schriftstellerin Naomi Alderman. (zu dpa «Frauen, das starke Geschlecht - Das Gender-Experiment «Die Gabe» vom 12.02.2018) - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Buch und nur mit Urhebernennung Foto: Foto: Handout/Heyne Verlag/Random House/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
HANDOUT - Undatiert: Cover des Buches «Die Gabe» von der britischen Schriftstellerin Naomi Alderman. (zu dpa «Frauen, das starke Geschlecht - Das Gender-Experiment «Die Gabe» vom 12.02.2018) - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Buch und nur mit Urhebernennung Foto: Foto: Handout/Heyne Verlag/Random House/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: Handout / dpa
Berlin. In ihrer packenden Dystopie „Die Gabe“ stellt Naomi Alderman etablierte Geschlechterrollen auf den Kopf.

(dpa) In England, in Nigeria, in den USA – überall machen Mädchen eine unheimliche Entdeckung: Sie können Männern wehtun, sie sogar schwer verletzen, und das ganz leicht mit ihren Händen. Es beginnt in einer Welt wie unserer, in der Männer immer wieder sexuell übergriffig sind. Wie die neue Überlegenheit der Frauen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern dann verändert, erzählt die britische Autorin Naomi Alderman, Jahrgang 1974, in dem spannenden Roman „Die Gabe“, der nun auf Deutsch erschienen ist. Angesichts der #MeToo-Debatte um sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch zog der Heyne-Verlag die Veröffentlichung vor. Der deutsche Titel des erschreckenden Gesellschaftsentwurfs büßt dabei im Vergleich zum englischen Original „The Power“ einiges an Bedeutung ein. Denn „power“ heißt auch Macht und Stärke. Das ist wichtig, weil die Welt, die Alderman erschafft, in keiner Weise ein feministisches Ideal beschreibt. „Es geht um Macht“, sagt sie – die Geschlechterrollen seien das Beispiel, mit dem sie Macht untersuche.

Und: „power“ kann auch Elek­trizität bedeuten. Genau darin besteht die „Gabe“ der Mädchen und Frauen: Mit ihren Händen können sie Schmerzen wie Stromstöße bereiten, vom leichten Kribbeln bis zur vollständigen Schockstarre. Oder bis zum Tod. Plötzlich sind es nicht mehr die Männer, die scheinbar von Natur aus die Kontrolle übernehmen. Jetzt sind Männer „das schwache Geschlecht“.

Die Herrschaft der Frauen, die daraus entsteht, ist eine Dystopie. Eine Dystopie, die die reale Vorherrschaft der Männer mit ihren politischen, religiösen, beruflichen und sexuellen Implikationen spiegelt. Von der Reduzierung aufs Aussehen über Vergewaltigung und Ausgangssperren bis zur Genitalverstümmelung – Ausgrenzung schlägt um in Unterdrückung.



„Wenn es sich also schrecklich anfühlt mitzuerleben, wie die Männer im Roman misshandelt werden – und ich hoffe, dass es sich schrecklich anfühlt –, dann zeigt uns das nur, dass wir eigentlich dasselbe Entsetzen empfinden sollten, wenn diese Gewalttaten gegenüber Frauen verübt werden“, sagt Alderman.

Bevormundete Frauen in Saudi-Arabien wittern ebenso ihre Chance auf Rache wie Zwangsprostituierte in Moldau. Kriminelle Töchter übernehmen die Drogengang des Vaters. Politikerinnen greifen nach höheren Ämtern. Und eine Sekte feiert den Glauben an „Mutter Eva“. Die „Gabe“ ist für die Frauen somit Befreiung und Bürde zugleich. „Ich wollte beiden Geschlechtern einen Spiegel vorhalten und ihnen die Welt durch die Augen des jeweils anderen zeigen“, sagt Alderman.

Der „Cosmopolitan“ hat diese Welt als eine Mischung aus Suzanne Collins‘ „Tributen von Panem“ und Margaret Atwoods „Report der Magd“ beschrieben. Das ist nicht zu hoch gegriffen: „Die Gabe“ hat das Zeug zu einem zeitgemäßen Klassiker im Genre der Dystopie. Denn so radikal das Geschlechterverhältnis umgekehrt wird, so subtil und scharfsinnig sind einige der Beobachtungen, die daraus resultieren.

Atwood selbst würdigte Aldermans Werk mit feiner Ironie als „elektrisierend“. Der Leser werde nach der Lektüre alle seine Gewissheiten hinterfragen, sagte die Gewinnerin des letztjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Das Lob kommt allerdings wenig überraschend – Atwood ist eine Mentorin der Britin.

Alderman, die auch als Dozentin für kreatives Schreiben in Bath lehrt, erzählt in „Die Gabe“ raffiniert mit vielen Szenenwechseln und Denkanstößen. Schon der Prolog ist ein cleverer Spiegel im Spiegel unserer Gesellschaft: Da schreibt ein Mitglied einer „Vereinigung männlicher Autoren“ einen Brief, adressiert an „Naomi“. Darauf folgt als Hauptteil der vermeintlich historische Roman eines Neil Adam Armon – dessen Name ein Anagramm ist: Tauscht man die Reihenfolge der Buchstaben, ergibt er Naomi Alderman. Die „Naomi“ im Buch wiederum hebt an Armons Roman hervor, dass sogar „männliche Soldaten, männliche Polizisten und Gangs mit kriminellen Jungen“ darin sind.

Im englischen Sprachraum wurde „Die Gabe“ bereits gefeiert, das Original erschien 2016, eine TV-Serie ist in Planung. Und als Barack Obama Ende 2017 eine Liste mit Leseempfehlungen veröffentlichte, stand „Die Gabe“ auf dem ersten Platz.

Noch lange vor der #MeToo-Debatte schilderten die Protagonistinnen in dem Roman auch ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Denn damit ist eng verbunden, wie sie ihre zwiespältige „Gabe“ entdecken. Alderman bekam für den Roman 2017 einen der wichtigsten Literaturpreise Großbritanniens –  den, wohlgemerkt, Women‘s Prize for Fiction. Abseits der Romanwelt sind es immer noch Frauen, die als vermeintliche Besonderheit betont werden. In ihrer Dankesrede bei der Preisverleihung sagte Alderman: „Die Frauenbewegung hat mein Leben möglich gemacht. Frauen, die schreiben, haben mein Leben verändert.“

Naomi Alderman: Die Gabe. Heyne, 481 Seiten, 16,99 Euro.