| 22:14 Uhr

„Salome“ im Saarländischen Staatstheater
Wenn aus Lust Wahnsinn wird

Laszivität im Großformat: Pauliina Linnosaari als Salome tanzt für ihren lüsternen Stiefvater Herodes (Michael Baba).
Laszivität im Großformat: Pauliina Linnosaari als Salome tanzt für ihren lüsternen Stiefvater Herodes (Michael Baba). FOTO: Martin Kaufhold
Saarbrücken. Richard Strauß’ Oper „Salome“ wird im Staatstheater in Saarbrücken zu einem eindrücklichen Abbild menschlicher Abgründe. Vor allem Pauliina Linnosaari in der Hauptrolle begeistert. Von Joachim Wollschläger

Salome räkelt sich auf dem Boden, streichelt ihre Brüste und leckt sich lasziv die Lippen. Herodes, im rot-samtenen Hausanzug eine Karikatur des Playboy-Gründers Hugh Hefner, schaut derweil lüstern erregt zu. Beim Tanz der sieben Schleier fällt in der Saarbrücker Inszenierung von Richard Strauß’ Oper „Salome“ zwar kein Stoff, dafür konfrontiert Regisseur Jaokob Peters-Messer das Publikum mit der ganzen sexuellen Plattheit der heutigen Medienwelt.

Die Oper, vor gut hundert Jahren noch wegen „die Sittlichkeit beleidigender Handlungen“ unter Beschuss, ist angesichts der Me-too-Debatte immer noch aktuell. Denn letztlich geht es in dem Stück, das am Samstag Premiere hatte, um Macht, sexualisierte Gewalt und Missbrauch. Und genau darauf reduziert letztlich Regisseur Peters-Messer seine höchst sehenswerte Inszenierung.

Die Handlung lässt sich leicht zusammenfassen: Herodes, liiert mit der Frau seines Bruders, wird für dies „sündige“ Verhalten vom Prophet Jochanaan verflucht, den er in seinem Palast gefangenhält. Herodes ist seiner Frau müde, begehrt stattdessen seine Stieftochter Salome, die Tochter seines Bruders, und will sie verführen („Salome, komm trink Wein mit mir“). Salome verachtet ihren Stiefvater, verguckt sich stattdessen in den Propheten Jochanaan („Ich bin verliebt in Deinen Leib, Jochanaan!“). Der Prophet aber weist Salome ab, was sie in ein noch wahnsinnigeres Begehren treibt („Lass mich Deinen Mund küssen, Jochanaan“). Herodias, Salomes Mutter, wiederum verachtet Herodes und versucht, Salome vor ihm zu schützen („Ich habe Dir gesagt, Du sollst sie nicht anseh’n“). Nach langem Flehen („Tanz für mich, Salome“) willigt Salome endlich ein, für Herodes den Tanz der sieben Schleier zu tanzen. Während der anschließend schon erwartet, sie zu seiner Geliebten zu machen, fordert Salome als Entlohnung für den Tanz den Kopf des Jochanaan („Du hast einen Eid geschworen, Tetrarch!“). Den noch blutenden Kopf kann Salome nun, dem Wahnsinn nahe, doch noch küssen („Ich habe Deinen Mund geküsst, Jochanaan“), wovon Herodes zutiefst abgestoßen ist. Mit seinem voll Abscheu ausgerufenen Befehl „Man töte dieses Weib“ endet das Drama.



Perfekt verkörpert Pauliina Linnosaari die Rolle der Salome, dieser verzogenen Prinzessin, die sich so in ihre erste Liebe zum Propheten verrennt, dass sie endlich dem blutenden Kopf den verweigerten Kuss abringt. Anfangs noch verhalten, steigert sie sich – spielerisch und gesanglich – über den Abend zu absoluter Höchstform. Bis sie endlich – mit blutverschmierten Lippen – über das Glück erster Liebe sinniert. Linnosaari meistert mit Leichtigkeit die häufig dissonant angelegte Partie, mal lyrisch, mal dramatisch. Neckend verführerisch umgarnt sie den Propheten, reagiert erst trotzig auf Herodes’ Avancen, um ihm dann immer wieder ihre schrille Forderung entgegenzuhämmern: „Ich will den Kopf des Jochanaan“. Stimmlich etwas schwächer dagegen Peter Schöne in der Rolle des Propheten, die einzige Partie, der Strauß längere Melodiebögen zuteilt. Nicht durchgehend gelingt es Schöne, diese mit seinem sonst insgesamt satten Bariton auszufüllen. Großartig aber das Zusammenspiel von Salome mit dem als Rasta-Hippie angelegten Propheten. Jochanaan, der seine moralische Macht zeigt, indem er Salome auf dem Stuhl niederdrückt. Eine Geste, die diese später bei ihrem Stiefvater wiederholt.

Herodes (Michael Baba) und Herodias (Judith Braun) sind stimmlich und spielerisch mehr als überzeugend. Baba schafft flexibel den Wandel zwischen ängstlichem Herrscher, genervtem Gatten und lüsterndem Stiefvater, der seine Augen nicht vom Körper seiner Tochter lassen kann. Angelos Samartzis, der als Narraboth ebenfalls einen Verehrer von Salome verkörpert, wurde mit seinem zwar kurzen, aber stimmlich starken Auftritt vom Publikum besonders gefeiert.

Die Bühnengestaltung (Sebastian Hannak) setzt gekonnt auf Zurückhaltung. Komplett entschlackt von orientalisch-schwülstigem Beiwerk bleiben Schwarz-Weiß-Design, klare Formen und wenige Symbol-Requisiten wie Engel-Statuen und zerbrochene Säulen. Der Farbkanon beherrscht auch die Kostüme (Sven Bindseil): Schwarze Uniformen, Herodias im schwarzen Kleid, Juden und Nazarener in Grautönen. Einzig Salome im schwarzen, hautengen Dress mit weißem Blazer, Herodes in seinem roten Morgenmantel und der Prophet in Brauntönen stechen hier heraus. Die Zurückhaltung auf der Bühne lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Handlung zurück, auf das Machtspiel, das Salome von der enttäuschten Liebhaberin über den Umweg des Lustobjekts zur grausamen Siegerin über das Objekt ihrer Liebe macht. Fast störend wirkt da das Judenquintett, dieses absurde Element der Oper, in dem sich die gelehrten Juden und Nazarener über die Bedeutung des Propheten streiten.

Virtuos und gefühlvoll begleiten Dirigent Nicholas Milton und das Staatsorchester die Sänger durch dieses sinfonisch angelegte Musikdrama. Mal aufbrausend, wenn Herodes von Furcht übermannt wird, tänzerisch, wenn Salome den Propheten und ihren Stiefvater umgarnt, dann wieder dissonant schrill, wenn das Heilige und das Verderbte mit jeweils konkurrierenden Tonarten aufeinandertreffen. Manchmal allerdings tut Milton auch des Guten zu viel. Bei Salomes Liebesgesang mit Jochanaans Kopf hätte ihrem Piano etwas weniger tatkräftige Unterstützung durch das Orchester gut getan.

Die nächsten Termine: 20. und 25. April, 15. und 25. Mai, jeweils um 19.30 Uhr. Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.

Salome mit dem abgetrennten Kopf des Jochanaan: „Ich habe Dich auf den Mund geküsst!“
Salome mit dem abgetrennten Kopf des Jochanaan: „Ich habe Dich auf den Mund geküsst!“ FOTO: Martin Kaufhold