| 23:21 Uhr

Was trotz Globalisierung typisch deutsch bleibt

Schon immer hielten sich die Teutonen für ein Volk der Dichter und Denker und meinten, aus den Tiefen ihrer Kollektivseele der Menschheit Bedeutsames verkünden zu können. Tatsächlich nimmt die deutschsprachige Literatur und nehmen deutsche Philosophen einen wichtigen Platz in der Weltliteratur ein. Doch das Gründeln über die eigene Art wurde im 20 Von Merkur-Mitarbeiter Roland Mischke

Schon immer hielten sich die Teutonen für ein Volk der Dichter und Denker und meinten, aus den Tiefen ihrer Kollektivseele der Menschheit Bedeutsames verkünden zu können. Tatsächlich nimmt die deutschsprachige Literatur und nehmen deutsche Philosophen einen wichtigen Platz in der Weltliteratur ein. Doch das Gründeln über die eigene Art wurde im 20. Jahrhundert zum Exzess, als die Nazis daran gingen, am deutschen Wesen die Welt genesen lassen zu wollen. Das ging zu Recht gründlich schief. Was ist von der deutschen Eigenart geblieben? Vor allem in Zeiten der Globalisierung, die ja auch und vor allem eine Nivellierung ist? Zwei Autoren, die deutsche Protestantin Thea Dorn, 41, und der rumäniendeutsche Katholik Richard Wagner, 59, haben darüber nachgedacht und bündeln in einem umfangreichen Buch ihre Erkenntnisse. 65 Artikel in alphabetischer Reihenfolge von "Abendbrot" bis "Zerrissenheit". Daraus ist eine informativ-unterhaltsame Seelengeschichte der Deutschen geworden.Unter "Ordnungsliebe" wird der Verleger Joachim Heinrich Campe zitiert, der zum Thema in einem euphorischen Brief des 18. Jahrhunderts schrieb: "Wo nehme ich die Worte her, dir diese Tugend zu schildern?" 100 Jahre später gab Louis Leitz erste Aktenordner heraus, eine weltweite Erfolgsgeschichte. Auch die "Jugendherberge", längst ein Exportschlager, kommt aus deutschen Landen - genauer aus dem Sauerland. 1912 eröffnete die erste ihrer Art die Tore auf Burg Altena. Dass der Männerchor eine deutsche Ersteinrichtung war, ist ebenfalls belegt. Dem Motto "Brüder, reicht die Hand zum Bunde" folgen in der Bundesrepublik mehr als 4000 Männergesangsvereine. Und das seit 1809, als Carl Friedrich Zelter in Berlin die egalisierende "Liedertafel" gegründet hatte und mit Gesang "der Stände lächerliche Schranken" attackiert. Schließlich "Musik", ein großartiger Kurzessay, der die drei "deutschen Musiktitanen" Bach, Beethoven und Wagner erhebt und provokativ fragt: "Kann man Musiker sein, ohne deutsch zu sein?"

Das Buch beginnt aber mit dem Beitrag über "Abendbrot". Ist das Graubrot, beschmiert mit Leberwurst und sauren Gürkchen drauf? Ja, es scheint so. "Ein Abendbrot ist ein Abendbrot und kein Sandwich", schreiben die Autoren. Und zitieren Sven Regener, der mit seiner Band Element of Crime verheißungsvoll singt "Zum Abendbrot. Zum Abendbrot". Gutdeutsch ist auch die "Arbeitswut" unter dem Motto: Wir schaffen was! Auch der "Bierdurst" hat von Deutschland aus die Welt erobert. Schon Thomas Mann bekannte, allabendlich ein helles Bier zu genießen - für das "Lehnstuhlbehagen".

Richtig deutsche Gefühlsgeschichte kommt aber bei anderen Themen auf. Den Artikel "Abgrund" würde eine französische Seelenabhandlung vermutlich nicht in ihre Liste aufnehmen. Hierzulande gehört sie unbedingt dazu. "Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabsieht", hat Georg Büchner gesagt. Thea Dorn kommentiert, es ziehe "die deutsche Seele" hinab, seit Barbarossa gebe es "die Sehnsucht nach einer unterirdischen Heimat", der Mythos habe noch Heine und Wagner beeinflusst.



In den Kapiteln "Bruder Baum" und "Waldeinsamkeit" geht es um unsere germanischen Vorfahren, die Bäume als heilig verehrten. In keinem Land der Welt, das ist belegt, ist die Liebe zum Wald so ausgeprägt wie in diesem. Auch die Liebe zum Baum hat mit Mystik zu tun. Übrigens auch die hier gepflegte "Freikörperkultur". Ihre Anfänge liegen im Kaiserreich, und die Nackerten waren nackt, weil sie dem Himmel näher sein wollten. Auch bei der "Wanderlust" wird es urdeutsch.

Gelungen sind alle Beiträge, die sich mit der deutschen Seelensituation befassen. "Heimat" ist demnach die Region in unserem Innern, die uns zum ersten Mal ein Erlebnis schenkte. Der Begriff ist schlecht beleumundet, bleibt dennoch ein Tempel der Innerlichkeit. "German Angst" dagegen, auch sie ein Exportartikel, wird auf Luther zurückgeführt. Der Reformator habe den Christenmenschen als Individuum gesehen und mit seinem Gott konfrontiert. Da konnte er nicht mehr - wie in der katholischen Beichte und Prunkfreude - in etwas Allgemeines fliehen, sondern fühlte sich mit seiner "Hertzen-Angst eines bußfertigen Sünders" (Andreas Gryphius) ausgeliefert. Katholizismus sei ein Capri-Schlager, heißt es, Protestantismus eine Angst verbreitende Konfession.

Niemand will ständig mit seiner Gewissensnot konfrontiert werden. Führt sie doch zu "Zerrissenheit", ein durch und durch deutsches Phänomen. Zwei Seelen, ach, in meiner Brust - wenn es doch nur zwei wären! Dorn und Wagner raten, sie einfach zu akzeptieren. Sie lassen ihr Buch enden mit den Sätzen: "Lasst mir meine Zerrissenheit. Sie ist das Beste, was ich habe." So ist das bei den Deutschen.

Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele. Knaus, 560 S., 26,99 Euro