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Festival „filmreif!“ in St. Ingbert
Vom Verfolgen und Vergessen: Tipps aus dem Festival „Filmreif!“

Kristin Kumria im originellen Kurzfilm „Follower“, der seine Gruselgeschichte als Kette von Smartphone-Botschaften erzählt.
Kristin Kumria im originellen Kurzfilm „Follower“, der seine Gruselgeschichte als Kette von Smartphone-Botschaften erzählt.
St. Ingbert. In St. Ingbert beginnt heute das Festival „Filmreif!“: Bis zur Preisverleihung am Sonntag laufen 72 Kurzfilme. Wir konnten einige vorab sehen — hier drei Empfehlungen. Von Tobias Kessler

Heute Abend beginnt das Kurzfilmfestival „Filmreif!“ in St. Ingbert. Filmemacher unter 29 Jahren konnten ihre Werke einreichen, aus 300 bundesweiten Produktionen wurden 72 ausgewählt, die nun bis zum Sonntag in mehreren Programmblöcken gezeigt werden: auf dem Marktplatz, in der Stadthalle, im Regina-Kino und in der Kinowerkstatt (wir haben berichtet). Einige der Filme konnten wir vorab sehen – hier ein paar Empfehlungen.

Kommunikation kann ihre Tücken haben. Der einzige sichtbare Darsteller in „Unterkühlung“ spricht kein Wort. Und wer mit ihm redet, den sieht man nicht – es sind Stimmen, die von seinem Anrufbeantworter in die Wiener Altbauwohnung schallern. Ans Telefon geht Eddie (Matthias Neukirch) höchst ungern, auch wenn sich die Botschaften häufen: von der Tochter, der Exfrau und deren neuem Partner. Um einen geschenkten Kühlschrank drehen die sich, den Eddie im Hausflur parkt (dem Brandschutz zum Trotze). Olga Kosanovic (Regie und Buch) erzählt in zehn schwarzweißen Minuten vom Rückzug des stillen Eddie, der gerne herumliegt, sich an Tai Chi und Origami erfreut und dabei die Welt auf Armeslänge von sich fernhält. Das ist bittersüß und von melancholisch getöntem Humor, auf den Punkt inszeniert, mit keiner Szene zu viel.
(„Unterkühlung“ läuft im Filmblock I: Heute ab 19 Uhr, Stadthalle.)



Im klassisch breiten Kinoformat beginnt „Follower“, mit durchdringendem Sounddesign, Pochen an einer Tür, hektischem Atmen – doch dann geht es ins schmale Smartphone-Hochformat: Denn Jonathan Behrs knapp zehnminütiger Film erzählt seine Geschichte anschließend komplett als Kette von Whatsapp-Botschaften, Telefonaten, GIFs und Instagram-Bildern. Der Plot erinnert an manche Teenager-Horrorfilme: Eine junge Frau ist als Babysitterin allein im Haus (abgesehen vom Kind), draußen geht das Böse um, und der möglicherweise rettende Freund ist unterwegs – aber noch weit weg. Ein schlichter Plot mit „Scream“-Aroma, dessen enormer Reiz in der Umsetzung liegt: Das Erzählen per Smartphone hätte zur Spielerei werden können, gelingt aber sehr effektiv: Wenn der Verfolger der Frau Bilder schickt, die er gerade vor dem Fenster von ihr aufgenommen hat, gruselt es. Sinnig, dass die alles miteinander verbindenden Netzwerke hier vor allem Täter und Opfer verbinden – neben cleverem Grusel geht es dem Film auch um die Darstellung von Kommunikation und um eine Kritik an der Arglosigkeit vieler Nutzer. „Er weiß, wo ich bin“, schreibt die Frau ihrem Freund. „Jeder weiß, wo Du bist“, schreibt er zurück. Irgendwann geht einem sogar der Whatsapp-Bimmelton an die Nerven.
(„Follower“ läuft im Filmblock 5, Freitag ab 21 Uhr beim Open-Air-Kino auf dem Marktplatz, bei schlechtem Wetter in der Stadthalle.)

Wie ist das, wenn man weiß, dass man vieles, vielleicht irgendwann alles vergessen wird? Und wie lange kann man sich an die Hoffnung klammern, dass man doch das Wichtigste behalten wird? Davon erzählt Meike Wüstenbergs Kurzfilmdebüt „Gestern gibt es nicht“. In knappen neun Filmminuten skizziert sie eine innige, durch die Krankheit aber gereizte Mutter-Sohn-Beziehung. Sie (gespielt von Marion Alessandra Becker) tut so, als wäre alles in Ordnung – der Sohn (Björn von der Wellen) findet stapelweise ungeöffnete Arztbriefe, eine Lesebrille im Kühlschrank – und ein Büchlein, in dem sie das für sie Wichtigste notiert und festhält. Der Film berührt, ist aber nicht sentimental, er treibt den Kummer der langsam dement werdenden Mutter („Ich habe Angst“) nicht auf die Spitze – ein ruhiger, souveräner, überzeugender Kurzfilm. („Gestern gibt es nicht“ läuft im Filmblock 10 am Samstag ab 21 Uhr beim Open-Air-Kino auf dem Markplatz.)

Festivaleröffnung heute um 19 Uhr in der Stadthalle (freier Eintritt). Preisverleihung: Sonntag, 14 Uhr, Stadthalle. Infos und Programm: www.junger-film.de