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Völklinger Zwangsarbeiter-Mahnmal
Frei zur Debatte: Völklinger Mahnmal

Sie soll emotional berühren: Die „Zwangsarbeiter“-Installation in der Völklinger Sinterhalle.
Sie soll emotional berühren: Die „Zwangsarbeiter“-Installation in der Völklinger Sinterhalle.
Völklingen.. Das Weltkulturerbe zeigt erste Bilder von Christian Boltanskis Kunstwerk zum Gedenken an die Zwangsarbeiter. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Nun sind sie also in der Welt, die ersten Fotos des Mahnmales, das der in Paris lebende Christian Boltanski für die Völklinger Hütte geschaffen hat. Sie stammen überraschenderweise vom Weltkulturerbe selbst, das bisher dafür sorgte, dass im Vorfeld der Einweihung am 31. Oktober möglichst wenig Informationen flossen über das Kunstwerk, das an die NS-Zwangsarbeiter erinnern soll. Denn bereits kurz nach der Bekanntgabe des Künstler-Namens gab es Ärger. Nicht angezweifelt wurden Rang und Befähigung, schließlich zählt Boltanski zu den Großen seines Faches. Nein, es ging um das Konzept, und zwar deshalb, weil es niemand kannte. Ein breites Bündnis antifaschistischengagierter Vereine und Initiativen wendete sich deshalb im März diesen Jahres mit einem „Offenen Brief“ an den Kultusminister, vom Aktionsbündnis Stolpersteine e.v. bis zur Aktion 3. Welt Saar. Der „Alleingang“ des Weltkulturerbe-Chefs Meinrad Maria Grewenig stand in der Kritik, auch dass er die Röchling-Stiftung als alleinigen Finanzier gewonnen hatte. Es hieß, ein Wettbewerb hätte ausgelobt werden müssen, um die seit Jahrzehnten geforderte Erinnerungsstätte für die NS-Zwangsarbeiter der Röchlingschen Stahl- und Eisenwerke zu schaffen. Eingefordert wurde ein Mitspracherecht der Bürger.

Wie gestern zu erfahren war, hat Minister Ulrich Commerçon (SPD) den Kritikern geantwortet. Sinngemäß wie folgt: Es widerspreche seiner Auffassung von der Zusammenarbeit mit renommierten Künstlern, Vorgaben zu machen. Zudem griffen bei einer privaten Finanzierung vergaberechtliche Vorschriften nicht. Auch Generaldirektor Grewenig hatte damals reagiert. Er pochte auf sein Intendanten-Recht als künstlerischer Chef des Weltkulturerbes und auf die absolute Gestaltungsfreiheit des Künstlers.

Danach blieb es ruhig. Trotzdem könnte der Streit nun bereits vor der Einweihung am 31. Oktober neu entflammen, schließlich weiß man jetzt schon, wie Boltanskis Kunstwerk aussehen wird und funktionieren soll. Über das Mahnmal mit dem Titel „Zwangsarbeiter“ erfährt man in der Pressemitteilung Folgendes: Metallene Archivkästen, Kleider, Licht, Sound: Die Namen aller Zwangsarbeiter werden geflüstert. Die Maße: 3,3 x 6 x 18 Meter. Die Besucher würden „mitten in den eng gestellten Wänden des Archivs der Erinnerungen“ stehen, „das aus unzähligen aufeinander gestapelten Archivkisten besteht. Hier und da ist eine Nummer zu erkennen, schwarze Hosen und Jacken formieren sich zu einem Kleiderberg. Die geflüsterten Namen (....) lösen einen Schauer aus. Schlagartig versetzt die Installation von Christian Boltanski in eine andere Welt.“ Eine „berührende, emotionale“ Wirkung, wie von Grewenig prognostiziert? Das wird sich erst vor Ort überprüfen lassen. Fest steht aber bereits jetzt, dass die erste Assoziation zu Szenerien in Holocaust-Gedenkstätten führt, obwohl Boltanski dies ausdrücklich nicht beabsichtigt, wie Grewenig sagt. Auch liegen Parallelen zu Boltanskis viel beachteter Pariser „Monumenta“-Arbeit „Personnes“ (2010) nahe wie auch zum „Archiv der deutschen Abgeordneten“ im Berliner Bundestag (1999).



Bekanntlich ließ sich Boltanski bei seiner Vorbereitung durch einen Besuch in Völklingen zu einem zweiten Kunstwerk inspirieren, durch die Arbeiter-Spinde, die er überall antraf. Boltanski habe sie mit „ägyptischen Sarkophagen“ verglichen, so Grewenig. Danach habe er nicht mehr nur das Mahnmal für die NS-Opfer schaffen wollen, sondern eine honorarfreie zweite Arbeit angeboten, um die tägliche Arbeit aller Arbeiter zu spiegeln. Letzteres geschieht in der Erzhalle, mit einer temporären Mixed-Media-Installation. Boltanski hat unter dem Titel „Erinnerungen“ 91 Original-Spinde mit Licht und Sound neu arrangiert.

Doch neben der Kunst-Debatte könnte sich ein weiteres Kampffeld auftun. Die Historikerin Inge Plettenberg hat im Auftrag des Weltkulturerbes ihre Forschungen zum Thema Zwangsarbeit intensiviert und kommt zu dem Ergebnis: „Das Programm Vernichtung durch Arbeit lief in der Hütte nicht. Aber es gab ein rassistisches Regime“. Das sagte sie dem Merkur. Über 500 Seiten umfasst ihre Publikation, die zeitgleich mit Boltanskis Mahnmal vorgestellt wird und es mit Fakten erdet. Die da lauten: 12 393 Männer, Frauen und Kinder aus 20 Ländern waren während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiter registriert. 261 von ihnen starben, darunter 60 Kinder.