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Interview mit „Russendisko“-Autor
„Nichts können wir tun. Also: Stößchen!“

Einen Rettungsring hat er dann doch nicht gebraucht. Wladimir Kaminer im sicheren Hafen.
Einen Rettungsring hat er dann doch nicht gebraucht. Wladimir Kaminer im sicheren Hafen. FOTO: dpa / Michael Ihle
Zweibrücken. Der Schriftsteller („Russendisko“) war auf Kreuzfahrt. Warum eigentlich — und was hat er erlebt? Von Lothar Schröder

Wladimir Kaminer ist einer der populärsten russischen Autoren hierzulande – mit einer Gesamtauflage von 3,7 Millionen Büchern. Im Juni 1990 hatte er humanitäres Asyl in der DDR erhalten und wurde so noch vor der Wiedervereinigung deutscher Staatsbürger. Seine russische Sicht auf viele westliche Dinge hat er sich bewahrt, zur Freude der Leser. Dazu gehören auch seine Erlebnisse auf Kreuzfahrten, von denen er in seinem neuen Buch erzählt.

Herr Kaminer, wie sind Sie auf ein Kreuzfahrtschiff geraten?

KAMINER Na ja, das waren alles Einladungen. Freiwillig wäre ich nie auf so eine skurrile Idee gekommen. Denn wenn wir in den Urlaub fahren, reisen wir eigentlich zu Freunden oder Menschen, die uns kennen, weil wir als Familie Gespräche sehr schätzen. Sogar mehr als die Natur.



Und davon gab es dann auch auf den Kreuzfahrtschiffen genug?

KAMINER Sehr viele. Noch immer bekomme ich Post von Menschen, die mit mir auf der Kreuzfahrt waren. Kreuzfahrtbekanntschaften sind wie echte Bruderschaften.

Als Schriftsteller sieht man Kreuzfahrtschiffe bestimmt mit einem anderen Blick.

KAMINER Kreuzfahrtschiffe sind eine Absage an das Festland, eine Art Arche Noah. In der Zeitung las ich, dass in Warnemünde das größte Kreuzfahrtschiff aller Zeiten mit 10 000 Passagieren gebaut wird. Andererseits wird vorausgesagt, dass Ückermünde wegen des Klimawandels in ein paar Jahren unter Wasser stehen könnte. Und Ückermünde hat auch 10 000 Einwohner. Da kam mir die Idee, dass es doch logisch wäre, das neue Schiff Ückermünde zu nennen, die Bewohner darauf umzusiedeln und sie auf „Stößchen“-Fahrt zu schicken.

Und dann ist es auch egal, wohin das Schiff fährt …

KAMINER … das ist es heute schon. Die Neugier hat bei den Reisen inzwischen Platz für Angst gemacht. Wenn sich die Kreuzfahrer untereinander austauschen, dann höre ich nur: „Ach was, Madagaskar, riskier’ das bloß nicht, da war die Pest, und die Seyschellen kannst du erst recht vergessen, da hatten wir drei Tage lang nur Ungeziefer.“ Noch nie war das Reisen so leicht und die Unzufriedenheit so groß. Ich habe ja zwei Bücher zu dem Thema geschrieben: eins über Flüchtlinge und eins über Kreuzfahrer. Wobei die Flüchtlinge von heute schon morgen Touristen sein könnten und umgekehrt. Wahrscheinlich sind wir alle bereits auf einem Kreuzfahrtschiff – das Kreuzfahrtschiff Europa.

Im Gegensatz zur sogenannten Festung Europa aber mit vielen fließenden Grenzen drumherum.

KAMINER Ich habe mit Menschen in Chemnitz nach den Ausschreitungen gesprochen und sie gefragt, welche Grenzen sie schließen wollen. Sie sagten: Natürlich die zu Tschechien, weil die Tschechen nachts immer herüber kämen und die Reifen klauten. An dieser naiven Antwort sieht man schon den ganzen Irrsinn, irgendwelche Grenzen schließen zu wollen. Das Grenzenlose beobachte ich an meinem Heimatland, noch nie war es so leicht für Russen, zu reisen.

Was sind die Gründe für die Reiselust der Landsleute?

KAMINER Der Staat stagniert, weil es alle autokratischen Regime in der globalen Konkurrenz einfach nicht schaffen, für sich zu sorgen. Politisch haben sie dennoch eine unglaubliche Überlebenskraft entwickelt. Also: Wenn früher ein Diktator es nicht mehr richtig konnte mit der Wirtschaft, dann fuhr er den Staat gegen die Wand. Heute aber nicht. Jetzt überlebt das Regime und bleibt – und die Menschen können auswandern. Das ist die eigentliche Revolution des 21. Jahrhunderts.

Gehören dazu im weiteren Sinne auch die Kreuzfahrten?

KAMINER Jedenfalls wissen alle Kreuzfahrer, dass es keine Rettung gibt. Es bleibt zwar zu hoffen, dass die Erderwärmung am Ende nur 1,5 Grad bis 2 Grad beträgt. Aber im Grunde wissen wir doch alle, dass es nicht klappen wird. Und mit diesem Gefühl betreten wir alle das Kreuzfahrtschiff: Es gibt ein bisschen Empathie und die Sorge, dass es mit dem Klimawandel vielleicht doch nicht so schnell geht. Aber was können wir dagegen tun? Nichts können wir tun. Also: Stößchen!

Welchen Menschen sind Sie auf den Kreuzfahrtschiffen begegnet?

KAMINER Ich habe auf den Schiffen Menschen kennengelernt, denen ich sonst nie begegnen wäre. Einem tauben Friedhofsgärtner aus Fulda, einer Frau vom Chemnitzer Ordnungsamt. Ich habe mir gemeinsam mit diesen Leuten als Tourist fremde Städte angeschaut, wo auch überall nur Touristen sind. Aber wahrscheinlich sind wir ja alle bloß Touristen, weil unsere Welt sich so schnell verändert.

Wodurch unterscheiden sich die heutigen Kreuzfahrer von den mittelalterlichen und eroberungswütigen Kreuzfahrern?

KAMINER Die Menschen, die ich kennenlernen durfte, wollten nicht erobern. Sie wollten immer nur retten. Mal wollten sie Katzen retten, mal Affen. Dabei wollten die Katzen und Affen gar nicht gerettet werden. Und ich habe Schwaben erlebt, die in Griechenland am Strand leere Plastikflaschen sammeln wollten. Mich hat das gerührt, weil die Menschen etwas gemacht haben, obwohl sie wussten, dass es nicht hilft.

Die Fragen stelle Lothar Schröder.

Wladimir Kaminer: Die Kreuzfahrer. Wunderraum, 220 Seiten. als Hörbuch bei Randomhouse Audio, 150 Minuten, gelesen vom Autor