| 21:40 Uhr

Klassik
Lebhaft, zärtlich, reich an Klangfarben

Trier. Landesstiftung Villa Musica beeindruckt beim Kammerkonzert von Il Quadro Animato im Kurfürstlichen Palais in Trier. Von Martin Möller

Es gibt doch immer wieder gute Nachrichten. Bislang konnte die Landesstiftung Villa Musica für ihre Dezemberkonzerte im Kurfürstlichen Palais Trier nur mit mäßigem Publikumsinteresse rechnen. 2017 kamen etwa 160 Zuhörer. Da ist der Besucherstrom zum aktuellen Konzert fast eine kleine Sensation. Unmittelbar vor Beginn waren alle verfügbaren gut 200 Sitzplätze im Festsaal belegt, und durch die Eingangstüren lugten sogar noch einige Zaungäste. Welcher Magier hat das wohl vermocht?

Klar indessen war von vorneherein: das fünfköpfige Ensemble mit dem leicht irritierenden, aber inhaltlich korrekten Titel Il Quadro Animato (das belebte, das seelenvolle Quartett) hatte es nicht auf dumpfe Weihnachtstimmung abgesehen, in der Kerzenschein die fatale Hauptrolle spielt.

Für das Quadro Animato war der Name Programm. Selten hat im Kurfürstlichen Palais ein Ensemble Musik aus Barock und Vorklassik so anregend lebhaft, so zärtlich, so ungemein transparent und so reich an Klangfarben gespielt. Das Quadro Animato bleibt gleich weit entfernt von altväterlicher Gravität und von neumodischer Hektik. Geigerin und Bratschistin (Rebecca Raimondi und Francesca Tenturi) entfalten einen faszinierend silbrigen Streicherglanz, Cellist Adrian Cygan gibt dem Generalbass eine besondere Leichtigkeit mit, Alessandro Viales herrliches Cembalo setzt akustische Glanzlichter und ordnet sich doch den Melodieinstrumenten unter. Und Lorenzo Gabriele! Er brilliert auf seinen beiden Flöten. Und die entfalten einen wunderbar milden Glanz.



Da kommt alles zusammen für ein exzellentes und dabei stilistisch eigenständiges Ensemble. Das Quadro klingt, als würden alle fünf auf einem gemeinsamen Atem musizieren. Sie treffen den galanten Tonfall von Telemanns „Pariser Quartett“ und distanzieren sich von der Harmlosigkeit, die Telemann-Interpretationen oft anhängt. Ihnen gelingt es, Händels Triosonate die Verbindung aus Großzügigkeit und Intimität mitzugeben, die einfach zu Händels Kammermusik gehört. Mag sein, dass das Quadro mit Johann Christian Bachs Flötenquartett zu wenig fließend, zu handfest, zu ungalant umging. Dafür entschädigte der zweite Teil mit mindestens zwei echten Entdeckungen.

Nehmen wir Johann David Heinichens  „Pastorale“ nach der Pause als klangvolle Reverenz an die Weihnachtszeit. Spannend wurde es  danach. Das Flötenquartett von Ernst Wilhelm Wolf (1735-1793) ist ein kompositorisches Glanzstück: Straff die Diktion im Kopfsatz, verhangen, trauernd, aufbegehrend der Mittelsatz. Und dann ein  abschließendes „Tempo di Minuetto“, in dem sich unüberhörbar der musikalische „Sturm und Drang“ ankündigt. Beim Quadro bleibt das keine Musik der polierten oder auch kalkuliert krausen Oberfläche. Vielmehr entwickeln die beiden Streicherinnen im Quadro die erstaunlich profilstarken  Innenstimmen zu einer Klangvielfalt, die das Werk in die Nähe von Haydns „Quartettpolyphonie“ rückt. Und erstaunlich, wie Leopold Hofmann (1738-1793) den norddeutschen Stil aufnimmt und ins Wienerische transponiert. Da klingen die Formbildungen der Wiener Klassik an und mit ihnen ein Stil, der Griffigkeit und Differenzierungen so genial vereint.

Das Publikum war tief beeindruckt. Und dann stimmen die Interpreten  Bachs Choral „Wie soll ich dich empfangen“ aus dem „Weihnachtsoratorium“ an, und ein Großteil der Zuhörer singt vorsichtig mit. Ein Choral zur Weihnacht, dessen Tonart und Melodie schon auf die Passion deuten – welch eine Zugabe!