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Vier Ausstellungen im Luxemburger Mudam
Luxemburger Beziehungsgeflechte

Jeff Walls „After ‚Invisible Man‘ by Ralph Ellison, the Prologue“ (1999-2001): eines von drei Tableaux’, in denen Wall auf literarische Vorlagen Bezug nimmt – in dem Fall Ellisons gleichnamigen Roman.
Jeff Walls „After ‚Invisible Man‘ by Ralph Ellison, the Prologue“ (1999-2001): eines von drei Tableaux’, in denen Wall auf literarische Vorlagen Bezug nimmt – in dem Fall Ellisons gleichnamigen Roman.
Luxemburg. Ein Fest der Sinne: Das Luxemburger Mudam lockt mit gleich vier Ausstellungen – darunter einer exquisiten Werkschau von Jeff Wall. Von Christoph Schreiner

Das Plätschern von Susumu Shingus in die Grand Hall des Luxemburger Mudams platziertem Brunnen („Water Tree 2“) – eine filigrane Metallskulptur, deren sich drehende und verschränkende Enden Wasserlinien in die Luft schreiben, die dann in Tropfenform in einen Bassin stürzen – folgt einem in alle vier Ausstellungen, die das Musée d’Art Moderne Grand Duc Jean gerade aufbietet. Wobei alleine schon deren größte – eine wiewohl knappe, aber hochklassige Werkschau der Foto-Großformate von Jeff Wall – die Fahrt unbedingt lohnt.

Über vier Säle im Obergeschoss verteilt und insgesamt 27 Arbeiten Walls von den späten 70ern bis heute dokumentierend, verdient sie eingehende Betrachtung. Bereits der erste Saal wirkt wie ein monumentaler Altarraum, in dem die sechs dort gezeigten Arbeiten auf wohltuende Weise frei atmen können. An der Stirnwand ein „Staircase & Two Rooms“ betiteltes Tryptychon von 2014 (gut sieben auf fünf Meter groß), das pars pro totohaft Walls grandiose Paarung von Fotografie und Inszenierung offenlegt, die er selbst einmal mit dem Begriff „Kinematografie“ umrissen hat. Zu sehen sind drei Hotelszenen: Links das Großformat eines Mannes in einer angelehnten Zimmertür, in der Mitte eine Treppe, rechts ein auf einem Bett Liegender – im Kopf setzt die Bildfolge unweigerlich einen Kopfkrimi mit ungewissem Ende in Gang.

Es dürfte wenige Fotografen geben, die so wie der heute in allen großen Museen präsente Kanadier Wall konsequent eine Art völlig eigenständiger Transformierung der Traditionslinien der Malerei in die Fotokunst betreiben. Die Einflüsse ikonografischer Werke von Velázquez, Goya oder Manet bis hin zu den Verlassenheitsbildmetaphern Edward Hoppers sind in Walls Bildgestaltungen immer wieder mit den Händen zu greifen. Am Deutlichsten auszumachen ist dies in „Picture for Woman“ – einem der legendären Frühwerke Walls von 1979, das nicht nur explizit auf Manets „Un bar aux Folies Bergère“ anspielt, sondern das bis in die Renaissance (und noch weiter) zurückreichende Motiv des Bildes im Bild aufnimmt – sinnfälligerweise in „Picture for Woman“ in Gestalt der exakt in der Bildmitte platzierten Kamera. Dass sich Wall überdies darin (wie auch Manet im Referenzbild) selbst mit ablichtet, ist insoweit mehr als nur ein Auto-Kommentar.



Glücklicherweise sind in jedem der vier Wall-Säle Sitzbänke aufgestellt. So lassen sich die bis ins letzte Detail ausgeklügelten Bildkompositionen Walls umso ausdauernder studieren. Ja, die meisten dieser Fotografien sind gestellt. Und ja, sie muten fast statuarisch an – teilweise hat Wall eigens Laiendarsteller engagiert, um den einen entscheidenden Moment in Ruhe abwarten zu können, der nun ihre Wucht entfaltet – das gewaltige Assoziationsrepertoire dieser eingefrorenen Augenblicke. Wobei man bei Jeff Wall nie gewiss sein kann, inwieweit es sich dabei um Fotomontagen handelt. Der berückenden Rätselwirkung von „Flooded Grave“ (1998-2000) – einen Friedhof mit einem ausgehobenen Grab im Vordergrund voller Seesterne und Quallen zeigend – nimmt dieses Verfahren nichts von seiner Magie. Die Suggestivität dieser Tableaux gründet vielmehr in dem selten gänzlich zu entschlüssenden Beziehungsgeflecht seiner einzelnen Bestandteile.

Dass Walls (meist durch 20 Zentimeter dicke Leuchtkästen illuminierte) Großformate, je länger man sie abtastet und durchsucht, unter der Hand immer wieder den Seh- und Decodier-Modus des Betrachters selbst zum Thema machen, ist eine ihrer vornehmsten Qualitäten. Die Rückprojektion seiner Inszenierungen in unser Inneres wiederholt gleichsam elementarste Fragen der Kunst-Rezeption: etwa die, wo Wahrheit aufhört und Täuschung beginnt, was eigentlich intendiert und was ausgelöst wird oder inwieweit Originalität ein Mythos ist, sofern sie eine nie da gewesene Einzigartigkeit meint. „Monologue“ von 2013 etwa zeigt en plein air je drei Männer, Stühle und Gläser – ein plein air vor einer dunklen Baumkulisse platziert, aus der sich dieses becketthafte menschliche Stillleben dank Kunstlicht herausschält. Über der Frage, wer hier worüber monologisiert, lässt sich trefflich verstummen.

Im Erdgeschoss wartet in der Ostgalerie der zweite Grund, nach Luxemburg zu reisen: Als Auftakt einer neuen Ausstellungsreihe, die die Mudam-Sammlungsbestände herausstellt, hat die neue Direktorin Suzanne Cotter eine exquisite kleine Schau mit Malerei der 80er und 90er Jahre zusammengestellt, die – sieht man von den kleinformatigen Häusersequenzen der Luxemburgerin Tina Gillen ab – sich alle im Ungegenständlichen treffen. Quantitativ werden nur zwölf Künstler aufgeboten (darunter mit Julian Schnabel, Michel Majerus, Albert Oehlen, Günher Förg oder Helmut Federle große Namen), qualitativ aber ergeben sich beglückende Korrespondenzen – auch dank einer Mudam-App, mit der sich per QR-Code fundierte Erläuterungen zu den Werken und Künstlern aufs Handy laden lassen. Manche Bilder (etwa Fiona Raes geometrische Strenge mit gestischem Schwung paarende Assemblage „Evil Dead 2“ oder Bernard Frize wie ein erstarrtes Kaleidoskop-Farbspektrum wirkende „Exzension 2“) laden geradezu zu meditativer Versenkung ein. Andere wie Guillermo Kuitcas siebenteiliger Tischplatten-Palimpsest „Spieler im Land des Käses“ lassen sich minutenlang mit den Augen umrunden, ohne zu einem Ende zu kommen.

Damit nicht genug, findet sich im Untergeschoss eine Filminstallation, die man nicht anders denn ein Videokunst-Juwel nennen kann: Stan Douglas’ erstmals seit seiner Erwerbung 2001 gezeigter Kurzfilm „Le Detroit“ besticht mit einer radikalen Bild-Ästhetik, die Film-Negativ- und -Positiv bis zur Unkenntlichkeit mischt und das gezeigte Durchsuchen eines verwaisten Hauses in Detroit zum reinsten Avantgarde-Krimi macht. Wie ein Appendix mutet dort unten im Foyer dann die vierte Miniatur-Schau im Mudam an: „Art & Craft“ zeigt sechs künstlerische Positionen, die alle ins Reich der angewandten Kunst hineinspielen. Wem das immer noch nicht reicht – als Zugabe überzeugender ist da Sarah Szes Rauminstallation „Six points finding a home“ im EG-Pavillon – ein spielerisches Geflunker aus Zangen, Lampen, Farbtafeln, Kieseln und Kunstflora, dessen Täuschungen nicht ohne Hintersinn sind. Also, auf ins Mudam!

Jeff Wall: Appearance: Bis 6. Januar; Mudam Collection: Malerei der 1980er und 1990er Jahre: Bis 7. April; Art & Craft: Bis 17. März; Stan Douglas’ „Le Détroit“: Bis 10.3.
Öffnungszeiten: Do-Mo, 10-18 Uhr; Mi 10-21 Uhr

Jeff Walls „Summer Afternoons“ (2009), das an Édouard Manets „Olympia“ (1863) erinnert.
Jeff Walls „Summer Afternoons“ (2009), das an Édouard Manets „Olympia“ (1863) erinnert. FOTO: Jeff Wall/Mudam Luxemburg / Jeff Wall