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Neu im Kino
Menschliche Abgründe so düster wie die Natur

 Ulrich Noethen macht als autoritärer NS-Dorfpolizist Jens Ole Jepsen seinem einstigen Freund, dem Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), das Leben schwer.
Ulrich Noethen macht als autoritärer NS-Dorfpolizist Jens Ole Jepsen seinem einstigen Freund, dem Maler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), das Leben schwer. FOTO: Wild Bunch/Central / Georges Pauly
Saarbrücken. „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz zählt zu den wichtigsten Romanen im Nachkriegsdeutschland. Filmemacher Christian Schwochow bringt den Stoff nun ins Kino.

Ein heikles Projekt. Einerseits ist die Verfilmung von Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ eine Art Selbstläufer. Der bisweilen als Meisterwerk gefeierte Millionenseller aus dem Jahr 1968 zählt bis heute zur Schullektüre. Und in Form einer Kinoadaption wird Lenz‘ exemplarisches Endspiel vermutlich für weitere Pennälergenerationen Pflichtprogramm werden.

Andererseits war der Roman von Anfang an umstritten. Verspätet sei er gewesen, meinte Peter W. Jansen, „literarisch und politisch“. Und ein Literaturlexikon erklärte, Lenz dämonisiere „das Alltäglich-Banale am Faschismus eher zum Bösartigen, als dass er seine Entstehung erklären könnte“.

Verkompliziert wurde der Umgang mit dem Roman zusätzlich durch den erst nachträglich bekanntgewordenen Umstand, dass Lenz einen der Protagonisten, den Maler Max Ludwig Nansen, offensichtlich Emil Nolde nachempfunden hat. Wie Nolde malt Nansen auf einem abgelegenen Hof an der deutsch-dänischen Grenze expressionistische Werke, die den Nazis als „entartet“ gelten. Aber anders als Nolde ist der fiktive Charakter ein aufrechter Individualist und Faschismus-Kritiker, während das reale Vorbild ein überzeugter Nationalsozialist, Antisemit und Bewunderer Adolf Hitlers war.



Wenn ein deutscher Filmemacher dieses urdeutsche Thema nun ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen des Romans auf die große Leinwand bringt, stellt sich notgedrungen die Frage, wie er mit den Ambivalenzen und Widersprüchen des Originals umzugehen gedenkt. Christian Schwochow, hierzulande einer der interessantesten aktuellen Regisseure, entscheidet sich für unbedingte Werktreue. Wie Lenz reklamiert er das Recht für sich, einen klaren Trennungsstrich zwischen Fiktion und Realität zu ziehen, sich ganz auf den reduzierten, archaischen Konflikt konzentrieren zu dürfen.

Ein Ort also, fernab von den Schaltstellen der Macht, den Trends der Zeit. Hier herrschen einfache Verhältnisse: weites Land, offener Himmel, endloses Meer. Und eine klare Trennung zwischen denen, die es mit der Macht halten, wie der beflissene Dorfpolizist Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), und jenen, die die braune Politik verachten, wie Nansen (Tobias Moretti), ein alter Freund Jepsens und Patenonkel von dessen elfjährigem Sohn Siggi (Levi Eisenblätter).

Wie der Roman zeichnet der Film die beiden als übergroße, sehr eindimensionale Gegenspieler: verkniffen, obrigkeitstreu und autoritär der eine, nachdenklich, tolerant und aufgeschlossen der andere. Dazwischen, in der moralischen Zwickmühle: der junge Siggi, das überforderte Kind. Auf beiden Seiten sucht es Liebe und Unterstützung und findet doch bloß ein furchtbares Dilemma. Schwochow erzählt das in schweren, erdrückenden Bildern, aus denen jegliches Licht entwichen scheint. Dunkel und düster sind die Zeiten, dunkel und düster ist die Welt. Selbst Dünen und Strand wirken beklemmend; die endlose Landschaft evoziert nicht Freiheit, sondern Bedrohung.

Eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der der gereifte Siggi (Tom Gronau) im Jugendgefängnis seine Erlebnisse in Dutzende Kladden notiert, entfaltet sich die Geschichte mit gnadenloser Konsequenz: ein ewiger Schlagabtausch der Philosophien, ein (auch räumlich) ständiges Hin und Her zwischen reetgedecktem Polizistendomizil und weltoffenem Künstlerhof, zwischen Spießbürgertum und Bohème. Dass es sich bei Nansen definitiv nicht um Nolde handelt, beweisen seine Bilder, die mit ihrer farbenprächtigen Verzweiflung eher an Munch erinnern. Kein Platz also für Fragezeichen und Zwischentöne, vielmehr eine echte Deutschstunde, die den didaktischen Duktus schon im Titel trägt.

„Deutschstunde“ läuft ab Donnerstag im Saarbrücker Filmhaus.