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Vom Aufknacken eines Seelenpanzers
Nicht nur Putzfrau, auch Fußballtrainerin

 Britt-Marie (Pernilla August) in der Provinz.
Britt-Marie (Pernilla August) in der Provinz. FOTO: Prokino
Stockholm. „Britt-Marie war hier“ von Tuva Novotny: Tragikomödie mit der starken Pernilla August. Von Uwe Mies

Der Duft an den Hemden und der Lippenstift am Kragen, das war schon eine arge Frechheit von Kent. Aber Männer geben halt nur ungern zu, dass sie fremd gehen, und das war bei Kent – natürlich – nicht anders.

Seine Frau Britt-Marie würde das schon verstehen und wegstecken, da war Kent sich sicher. Vermutlich wäre es auch so gekommen, hätte Kent nicht nach einem Herzinfarkt ins Krankenhaus gemusst. Britt-Marie machte sich Sorgen, kam zu Besuch und fand Kent in den Armen einer anderen. Das war der eine Erniedrigungstropfen zu viel in Britt-Maries Lebensfass.

Am nächsten Morgen zog sie aus, ging noch am selben Tag zum Arbeitsamt und ließ sich den einen Job geben, der noch frei war für eine Frau von 63 mit dem Image „Kann Haushalt, kann kochen, ist sozial eher schwierig“. Und jetzt steht Britt-Marie aus Stockholm nach 40 Jahren Ehephlegma vor dem Jugendzentrum in Borg. Die kleine Provinzgemeinde erlebt gerade einen beträchtlichen Abschwung, was sich auch in verlotterter Reinlichkeit in öffentlichen Gebäuden dokumentiert. Britt-Marie krempelt die Ärmel und beginnt, was sie am besten kann – putzen.



Wer Fredrik Backmans gleichnamigen Bestseller las, wird es sich längst gemütlich gemacht haben. Denn auch dieser jüngste Film nach einem Roman des schwedischen Erfolgsautoren beschreibt wie zuvor „Ein Mann namens Ove“ das nicht ganz einfache Aufknacken eines verkrusteten Seelenpanzers.

Die international renommierte Schauspielerin Tuva Novotny tritt in ihrer zweiten Regiearbeit (nach „Blind Spot“) zwar nicht selbst vor die Kamera, hat aber für die Titelrolle mit Pernilla August eine der feinsten Charakterdarstellerinnen Schwedens besetzen können. Die fügt sich uneitel ins Konzept einer spröden vom Leben Enttäuschten.

Doch Britt-Marie hat nicht nur ein Jugendheim auf Glanz zu polieren, sie soll auch die örtliche Jugendmannschaft im Fußball trainieren. Damit nimmt die Tragikomödie Fahrt auf und schnurrt bis zum herzigen Schluss mit der Präzision eines Köttbullar-Rezepts.

Dass hier keiner auch nur eine Ahnung von Fußball hat, ist leicht zu verkraften, denn der Film zielt auf ein Publikum, dem der Reinigungseffekt von Natron wichtiger ist als der Einschlag vom Runden ins Eckige.

Schweden 2019, 98 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Tuva Novotny; Kamera: Jonas Alarik; Musik: Ginge Anvik; Besetzung: Pernilla August, Vera Vitali, Peter Haber, Olle Sarri.