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Frankfurter Buchmesse
Die Gretchenfrage wartet auf der Couch

Hauptsache, es schaut gut aus? Verlagsmitarbeiterinnen gestern auf der Frankfurter Buchmesse.
Hauptsache, es schaut gut aus? Verlagsmitarbeiterinnen gestern auf der Frankfurter Buchmesse. FOTO: dpa / Arne Dedert
Frankfurt/MAin. Stirbt das Buch einen langsamen Tod? In fünf Jahren hat die Buchbranche 6,4 Millionen Käufer verloren. Doch das ist längst nicht das einzige Problem. Von Christoph Schreiner

Selbst der für gewöhnlich lieber notorisch Zweckoptimismus verbreitende Börsenverein des deutschen Buchhandels macht mittlerweile kein Hehl mehr daraus, dass die Buchbranche in einer tiefen Krise steckt. Die Leser gehen ihr von der Fahne. Binnen fünf Jahren hat die Branche 6,4 Millionen Buchkäufer verloren. Nur weil die verbliebenen 29,6 Millionen immer mehr Titel erwerben, schlägt der Aderlass bislang nicht mit voller Wucht durch.

Seit im vergangenen Juni eine vom Branchenverband in Auftrag gegebene GfK-Käuferstudie mit dem vielsagenden Titel „Buchkäufer – quo vadis?“ offengelegt hat, dass die heutige „multimediale Ablenkungsmaschinerie auf Twitter, Netflix, Instagram & Co“ (O-Ton der Studie) immer mehr Buch-Abstinente produziert, machen Pessimisten bereits eine fatale Rechnung auf: Social-Media-Surferei und Netflix-Couchleben lassen das Lesen aus der Mode kommen. Tatsächlich zeigt die GfK-Erhebung, dass mehr als die Hälfte aller Erwachsenen im Leseland Deutschland heute entweder gar nicht mehr oder nurmehr selten Bücher liest. Am Signifikantesten ist der Buchschwund demnach in der Altersklasse der 21- bis 49-Jährigen. Was nicht heißt, dass Studenten und Berufstätige „im besten Alter“ zu sozialen Analphabeten mutieren würden – viele aber lesen auf anderen Kanälen und nutzen andere Medien als das klassische Buch.

Dennoch täte die Branche gut daran, die Alarmzeichen nicht kleinzureden, die auszumachen sind: Aus den Geisteswissenschaften – ehemals die große Bastion der Lesehungrigen – kommt immer häufiger die Klage, dass Studierende heute über keinen einschlägigen Lesekanon mehr verfügen. Nicht mal unter angehenden Germanisten kann man heute noch davon ausgehen, dass sie Max Frisch oder Thomas Mann kennen – geschweige denn einen ihrer Romane gelesen haben. Genauso heißt es an vielen Schulen, dass Computerspiele, Serienkonsum und Facebook-Gedaddel unter Jugendlichen längst Büchern den Rang abgelaufen haben. Und es der nachwachsenden Generation vielfach immer schwerer falle, zusammenhängende Texte zu lesen. Die Verhackstückung allen Inputs und die Wikipediarisierung der Welt hinterlässt offenkundig Spuren.



Dass die kulturellen Folgen dieser veränderten Rezeptionsgewohnheiten nun aber etwa zum Generalthema der gestern eröffneten 70. Frankfurter Buchmesse werden könnte, wäre ein frommer Wunsch. Der weltgrößte Branchentreff wird vielmehr auf business as usual setzen und bis Sonntag wieder von früh bis spät ein gigantisches Marketingfeuerwerk zünden – das gesellschaftliche Ereignis, das die Messe abseits ihres hinter den Kulissen laufenden internationalen Lizenzgeschäfts ist, will man sich nicht vermiesen lassen.

Durchpflügt man die neueste Ausgabe von „Buch und Buchhandel in Zahlen“, so finden sich unter all den dort bilanzierten Zahlenkolonnen, Tabellen und Grafiken weitere interessante Hinweise darauf, wie es um den heutigen Literaturmarkt bestellt ist. Etwa, dass die gut 1600 deutschen Verlage (Stand 2017) noch 106 000 Beschäftigte zählen und damit annähernd vier Mal so viele wie der klassische Sortimentshandel (wobei der Personalabbau beide Beschäftigungsfelder gleichermaßen trifft). Rückläufig ist auch der Ausstoß an Erst- und Neuauflagen: 2017 kamen exakt 82 636 Titel auf den Markt (2850 weniger als 2016), von denen rund 15 Prozent Übersetzungen ins Deutsche waren. Dass nur ein Bruchteil davon überhaupt wahrgenommen wird, ändert nichts an der Tatsache einer immer noch heillosen Überproduktion. Auch wenn zahllose Perlen so unerkannt wieder eingestampft werden – ihnen gegenüber stehen Abertonnen an erschienenen Nichtigkeiten.

Dass die Non-Book-Quote sich hartnäckig bei 15 Prozent des Gesamtumsatzes einpendelt, ist ebenso desillusionierend wie andere nackte kapitalistische Buchhandelsgesetze. Etwa solche, die die Marktmacht der großen Filialisten unterstreichen: Gegenüber den Verlagen können sie Rabattmargen aushandeln, von denen kleine Buchhändler – die mit den Independent-Verlegern die Feigenblätter der Branche bilden – nur träumen können. „Je kleiner die Buchhandlung, umso größer muss der Rabatt sein“ – mit diesen Worten hat der Schriftsteller Rafik Schami vor ein paar Monaten versucht, eine Lanze für das Nicht-Mainstream-Buchhandelsgewerbe zu brechen.

Helfen wird es kaum: Vielmehr muss man fürchten,dass die großen Ketten wie Thalia und Hugendubel & Co schleichend immer mehr alteingesessene Läden fressen werden – seit sie ihre Strategie geändert haben und nicht mehr auf Großflächen setzen, sondern nun gemachte Nester in Klein- und Mittelstädten übernehmen wollen.

Wer noch ein Herz für Bücher und die Idealisten dahinter hat, sollte also vor Ort und dort anderes als Stapelware kaufen.