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Leipziger Buchpreis
Unsere hinreißendste Spurenleserin

engelskirchen. Esther Kinsky ist gestern für ihre makellose Beschreibungsprosa mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet worden. „Hain“ ist ein großes literarisches Requiem, dessen sprachliche Schönheit bezwingt. Von Christoph Schreiner

An sprachlicher Eleganz und Präzision gibt es derzeit sehr wenige deutschsprachige Schriftsteller, die an Esther Kinsky heranreichen. Am ehesten noch lässt sich ihre erlesene, geschliffene Prosa mit der des infolge eines Verkehrsunfalls viel zu früh aus dem Leben gerissenen W.G.Sebald (1944-2001) vergleichen. Nicht nur stilistisch erinnert Kinskys Literatur an die Sebalds; ganz ähnlich wie dessen ein Dreivierteljahr vor seinem Tod erschienener Roman „Austerlitz“ kartographiert auch Kinskys nicht von ungefähr als „Geländeroman“ überschriebene italienische Spurensuche „Hain“ in immer neuen Anläufen die Verlustzonen biografischer und landschaftlicher Areale. Und genauso wie er kreist auch sie dabei um eine grundsätzliche Frage: Verklumpt Vergangenes nicht ununterscheidbar? Wie soll sich das Dunkel auf den Bergehalden des Abgelebten aufhellen, auf dass Einzelnes sich wieder abzeichnet, wenn nicht durch die Lichtkegel, die Erinnerungssätze darauf werfen?

Kinskys Prosajuwel, das gestern völlig zurecht mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet wurde, beschreibt drei ausgedehnte italie­nische Winterreisen im Zeichen der Trauer. Der Trauer um den Tod ihres Lebensgefährten, des im Buch nur als „M“ auftauchenden schottischen Autors und Übersetzers Martin Chambers. Das erste Drittel von Kinskys Geländeroman beschreibt ihre Zeit (zwei Monate nach M.’s Tod reist sie an) im südöstlich von Rom gelegenen Bergort Olevano, wo die heute 61-Jährige als Stipendiatin der Villa Massimo ein Vierteljahr in einem zwischen Ort und Friedhof thronenden Haus zubrachte. In kurzen Kapiteln zeichnet sie ihr Umherstreunen in der von schroffen Felsenhängen, weitläufigen Olivenhainen und versprengten Zypressen durchsetzten Winterfeuchte nach. Notiert sie ihre täglichen kleinen Ausflüge auf den Friedhof (diese „dunkel umrahmte Loge aus Stein“) und ins Dorf. Mit dem Ziel, „mein Leben hier drei Monate lang in eine Ordnung zu pressen, die mich das unerwartet Fremde überleben ließ“. Hält sie ihre Busfahrten in das Niemandsland der römischen Peripherie mit seinen Industriebrachen fest, die sie an das „Außenseiterland bei Pasolini“ erinnern.

Nach und nach entwickelt Kinskys Beschreibungsprosa einen Sog, in den man sich bereitwillig hineinziehen lässt. Anstelle von Handlung gibt es einzig und allein Beobachtungen und Übersetzungen von Empfindungslagen in Sprache. Erzählt wird von Alten, die wie „müde kleine Reptilien in wattierten Mänteln mit Kunstpelzbesatz“ in der ersten Nachmittagssonne wieder auftauen. Von den mit dem Wechsel des Lichteinfalls einhergehenden Raumverschiebungen der Landschaft. Von der verborgenen inneren Ordnung, die es aus den dahingewürfelten Häusern, Wohnblocks, Gebäudeskeletten und der botanischen Staffelung der Geländestreifen herauszulesen gilt – im Sinne Wittgensteins, aus dessen „Philosophischer Grammatik“ das Motto dieser ersten dreier Winterreisen Kinskys entnommen ist: „Aber könnte man nicht mit der Anordnung von Bäumen einen Sinn ausdrücken, könnte das nicht eine Geheimsprache sein?“



„Hain“ erweist sich dabei als großes, in seiner Lebenszugewandtheit sehr bewegendes Requiem. Nicht erst bei ihrem Besuch der etruskischen Nekropole in Cerveteri geben die Toten den Lebenden in Kinskys Buch beständig das Geleit. Scheinen die Wege mit jeder Blickverschiebung „eine andere Schrift“ zu bilden, die Kinskys eigene vor dem Verschwinden bewahrt. Scheint das Leben im Winter des Südens wie unter einer Glocke erstarrt, die Häuser verrammelt, die Hügel unbehaust – als läge über allem eine „heisere Tonspur der Hoffnungslosigkeit“. Unentwegt konfrontiert uns Kinsky damit, wie sehr doch alles im Zeichen der Vergänglichkeit steht. Als sei auf der Bühne des Lebens „jeder mit seinem Bruchstück von einer Rolle befasst, deren Bedeutung für das gesamte von unbekanntem Ort aus geleitete Stück nie ans Licht kommen mochte“.

Kinskys „Hain“ ist kein Buch, das man „runterliest“. Die Musikalität seiner Sätze und der melancholisch aufgeladene Reichtum seiner Perspektiven ginge dabei unter. Fragt man sich, wie sie zu dieser Wortmagie gefunden hat, so findet man im zweiten, sie nach Chiavenna führenden Teil des Buches, in den sie Kindheitserinnerungen von in den 70ern unternommenen Italienreisen mit ihrer Familie eingelassen hat, eine Antwort. Ihr Vater, dessen Tod gleichsam als Schatten darüber liegt, hat sie als Kind die ihr eigene sprachliche Genauigkeit gelehrt, den semantischen Schwingungsgrad von Wörtern. „Mein Vater bezeichnete sich selbst als Fachmann für die Farbe Blau. Er blickte zum Himmel und hatte für jede Schattierung einen anderen Namen.“ Er lehrte sie auch, Landschaften, Mosaiken gleich, zu lesen.

Zuletzt quartiert sich Kinsky, abermals im Winter, unweit von Ferrara in der Bassa Padana ein, wo sich die Po-Ebene zum Meer hin öffnet. So wie sich die Landschaft dort weitet und sich hinter aller jahreszeitlichen Verwahrlosung des Landes deren „sanfte Großzügigkeit“ abzeichnet, so weitet sich auch das Gemüt der Spurenleserin dort unmerklich. Tastet sie sich „an den dünnen Fadenspuren entlang“, die sich zwischen Erinnerungen, Orten, Namen und Bildern spannen. Eine makellosere Prosa als diese wird man so leicht nicht finden. Und wohl auch kein Buch, das in größerer Schönheit unser In-der-Welt-Sein beglaubigt.

Esther Kinsky: Hain. Geländeroman. Suhrkamp, 287 Seiten, 20 €.