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Jahrestreffen in Kolumbien
Viele wollen Welterbetitel – und einer nicht mehr

Bonn/Bogota. Experten der Unesco beraten derzeit in Kolumbien über mehr als 40 mögliche Neuzugänge für die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Einen deutschen Antrag gibt es in diesem Jahr nicht. Aber einen aus Belgien, wo man den Titel wieder los werden will.

2010 war die belgische Stadt Aalst mit ihrem Karneval in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen worden; nun will die Kommune diesen Titel so schnell wie möglich wieder loswerden. „Die Aalster Bürger haben die grotesken Anschuldigungen satt“, sagte Bürgermeister Christoph D‘Haese vor einer Woche. „Wir sind keine Antisemiten oder Rassisten“, erklärte er weiter. Auch über diesen Fall wird jetzt die Weltkulturorganisation Unesco bei ihrer Jahrestagung in Bogota wohl sprechen.

Im Mittelpunkt der Konferenz, an der Vertreter von 24 Staaten teilnehmen, die 2003 das Übereinkommen zur Sicherung des Immateriellen Kulturerbes unterzeichnet hatten, steht allerdings die mögliche Aufnahme von 41 Kulturformen in die weltweite Liste des Immateriellen Kulturerbes. Ebenso sprechen die Repräsentanten des sogenannten Zwischenstaatlichen Ausschusses über sechs Vorschläge von Elementen, die dringend zu schützen seien. Darunter sind etwa Erntedankfeiern auf den Philippinen, der Volkstanz der Seperu in Botswana, die Zeremonien des Kit-Mikayyi-Schreins in Kenia oder der weißrussische Frühlingsritus von Jurauski Karahod.

Bisher hat die Unesco 59 solcher Elemente des lebendigen Erbes gelistet, deren Bestehen gefährdet ist. Dies ermöglicht den Vertragsstaaten des Übereinkommens, die internationale Zusammenarbeit und Unterstützung zu mobilisieren, die erforderlich sind, um die Weitergabe dieser kulturellen Praktiken im Einvernehmen mit den betroffenen Gemeinschaften zu verbessern.



Ebenso stehen auf der Tagesordnung die Beratung über drei Modellprogramme des Immateriellen Kulturerbes; bisher gibt es 20 solcher beispielhaften Projekte. In diesem Jahr hat Kolumbien traditionelle Praktiken zur Friedenssicherung eingebracht, Panama schlägt das ökologische und kulturelle Programm rund um das Armila-Meeresschildkrötenfest vor und Venezuela tritt mit der Tradition der Palmsegnung an.

Auch wird die Konferenz das für 2019 ausgerufene Internationale Jahr der Indigenen Sprachen feiern. Dazu gibt es eine Ausstellung sowie Debatten über den Zusammenhang zwischen den Schutz des kulturellen Erbes und der indigenen Sprachen durch Bildung.

Breitesten Raum bei der Konferenz, die bis Samstag in der bolivianischen Hauptstadt unter Vorsitz von Kulturministerin Maria Claudia Lopez Sorzano tagt, wird mutmaßlich die Beratung der 41 Nominierten der Repräsentativen Liste einnehmen. Eine deutsche Nominierung gibt es diesmal nicht. Dafür sind einmal mehr zahlreiche religiöse Traditionen dabei, so etwa die historische Brüsseler Prozession „Ommegang“, verbunden mit einem Volksfest, der byzantinische Gesang auf Zypern, die Vergebungsfeier in Italien, das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit in La Paz sowie die Prozessionen der Karwoche im Schweizer Dorf Mendrisio.

Ebenso streben die armenische Briefkunst, die irische Harfenmusik, die indische Heilkunst Sowa-Rigpa und die traditionelle Thai-Massage ins Unesco-Welterbe. Mit weiteren Handwerks- oder Musiktraditionen reklamieren unter anderen Bulgarien, die Kapverdischen Inseln, die Dominikanische Republik, Iran, Kirgistan, Mexiko, Spanien, die Mongolei, Norwegen, Syrien und Turkmenistan den Titel für sich. Allein 14 Staaten haben einen Antrag auf Anerkennung der Traditionen um die Dattelpalme eingereicht. Und Frankreich, Italien und die Schweiz wollen den Alpinismus in der Welterbeliste sehen.

Ganz anders die Stadt Aalst, die den Welterbetitel loswerden will. Stein des Anstoßes: der Paradewagen „Sabbatjahr“ im diesjährigen Karneval und die Frage: Sind die nachgebildeten jüdisch-orthodoxen Figuren als antisemitisch zu werten oder nicht? Die belgische Antidiskriminierungsstelle Unia sieht „keine bewusste Anstiftung zu Hass, Diskriminierung oder Gewalt gegen Juden“. Das Forum jüdischer Organisationen in Belgien (FJO) bewertet den Wagen hingegen als „pure Provokation“. Nun kommt die Stadt einer möglichen Streichung von der Welterbeliste mit ihrem Verzicht zuvor. Auch so kann eine Karriere als Immaterielles Kulturerbe verlaufen.