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Menasse erhält Zuckmayer-Medaille
„Luftikus“ Menasse zwischen Literatur und Politik

 Der österreichische Schriftsteller und Preisträger der Carl-Zuckmayer-Medaille, Robert Menasse (l), steht vor der Verleihung neben Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz.
Der österreichische Schriftsteller und Preisträger der Carl-Zuckmayer-Medaille, Robert Menasse (l), steht vor der Verleihung neben Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz. Schwere Kritik musste der Autor des Romans „Die Hauptstadt“ einstecken. Mit einer Fabel bedankte er sich jetzt für die Verleihung der Zuckmayer-Medaille.

Viele Schriftsteller verbinden ihr literarisches Wirken mit Wortmeldungen zu Politik und Zeitgeist. Doch statt eines Bindestrichs hatte der Wiener Autor Robert Menasse zuletzt Fragezeichen gesetzt. Wie konnte er in Essays falsche Zitate des frühen Europapolitikers Walter Hallstein verwenden? Am Tag der Verleihung der Zuckmayer-Medaille in Mainz antwortet Menasse, dass er nicht strikt genug zwischen seinen Rollen als Künstler und politischer Diskutant getrennt habe.

Eigentlich, so sagt Menasse in seiner Dankesrede am Freitagabend, habe er bei der festlichen Preisverleihung im Staatstheater Mainz über die Bedeutungsverschiebungen von Begriffen sprechen wollen – etwa dass der Begriff „Nettozahler“ zum „Totschlag-Argument im anti-europäischen Diskurs mancher Länder“ geworden sei. „Das war der Plan – aber dann konnte ich diese Rede leider doch nicht schreiben.“

Denn mit Beginn des neuen Jahres prasselte von vielen Seiten Kritik auf den 64-jährigen Schriftsteller ein. Menasse habe eine als Zitat ausgewiesene Passage aus seinem Roman „Die Hauptstadt“ hinübergenommen in politische Beiträge, so formuliert es sein Laudator, der von einer Erkrankung an der Reise nach Mainz gehinderte Salzburger Essayist Karl-Markus Gauß. „Das verdient, kritisiert zu werden.“ Aber obwohl Menasse dies als Fehler anerkannt habe, sei weiter „das große Geschütz“ aufgefahren worden. Noch am Tag der Preisverleihung, bei der die aus SPD, FDP und Grünen gebildete Landesregierung nach einer Überprüfung dann doch bleiben wollte, gab es schwere Vorwürfe auf Seiten von CDU und AfD.



Nach der Begrüßung durch Ministerpräsidentin Malu Dreyer zeigt sich Menasse in einer Fragerunde mit Journalisten schockiert über den Verlauf der Debatte. Dieser Schock werde dazu beitragen, dass er Fehler wie falsche Zitate außerhalb der literarischen Fiktion nicht wiederholen werde. Er lasse sich aber nicht vorwerfen, bewusst historische Fakten gefälscht zu haben, sagt er mit verschränkten Armen vor der Wand der Fernsehkameras. „Für eine Fälschung braucht man eine Fälschungsabsicht.“

In seiner Dankesrede bezeichnet sich Menasse dann als „Luftikus“, der sich im Traum in Zuckmayers „Geheimreport“ wiedergefunden habe: „Luftikus steht wegen unkorrekten Zitierens schwer in Kritik.“ Er müsse sich dabei auch selbst an die Nase fassen: „Er dreht zwar den Sinn nicht um. Aber wenn er zitiert, dann muss er doch wörtlich zitieren – sinngemäß allein ist kein Zitat.“

Schließlich trägt der Schriftsteller dann seine nach nächtlichem Ringen endlich gefundene Dankesrede vor. Es ist eine Fabel von einem am Boden liegenden Spatz, der seine Beinchen in die Höhe reckt. Ein Kater lacht ihn aus und fragt, warum er denn nicht fliege, sondern auf dem Boden liege. „Der Himmel droht auf die Erde herunterzufallen“, antwortet der Spatz. Und er glaube wirklich, das Dach des Himmels stützen zu können, fragt der Kater. „Nein, das glaube ich nicht, aber ich tue, was ich kann“, antwortet der Spatz.

Dichtung müsse auch Intervention sein, „eine Art von Trotz gegen die Zeit“, zitiert Ministerpräsidentin Dreyer den Preisträger. Menasse könne durchaus verbinden, fährt sie fort, habe sich mit seinem Roman „Die Hauptstadt“ gar als „Virtuose des Verbindenden“ erwiesen – „des Ernsten mit dem Unterhaltsamen, des klugen Gedankens mit dessen skurriler Umsetzung, des Zeitgeistigen mit seinen Widersprüchen und menschlichen Abgründen“.