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Leipziger Buchmesse
Von Sorgen und süßen Illusionen

Leipzig. Wirtschaftliche Lage der Branche bleibt zum Leipziger Buchmessen-Auftakt angespannt. Von Lothar Schröder

Auf Buchmessen beraten in der Regel Verlage ihre Leser. Oder Agenten ihre Autoren. In diesem Jahr aber ist manches anders. Es ist die Branche der Verleger und Buchhändler selbst, die neuerdings um Rat sucht. Denn mit dem Insolvenzverfahren des Buchgroßhändlers Koch, Neff & Volckmar (KNV) ist der halbe Buchmarkt hierzulande ins Wanken geraten (wir berichteten). Und so können sich Verleger und Händler auf der Leipziger Buchmesse über die Folgen der Insolvenz für ihr eigenes Geschäft beraten lassen.

 All das scheint mehr als notwendig zu sein. Über 2000 Anfragen sind seit Februar bei der Rechtsabteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels eingegangen. Die Verlage sorgen sich um ihren Gewinnanteil aus dem zurückliegenden Weihnachtsgeschäft, aus der traditionell noch immer umsatzstärksten Jahreszeit. Zugegeben, eine „KNV-Insolvenz“ klingt nicht halb so spektakulär wie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten eines namhaften und traditionsreichen Literaturverlags. Doch ist Deutschlands größter Zwischenbuchhändler das Scharnier zwischen Verlag und Händler, der Brückenschlag zum Leser: mit 590 000 Titeln von 5000 Verlagen, von denen die meisten aus dem Erfurter Zentrallager binnen 24 Stunden zugestellt werden können.

Die Buchmesse selbst gibt sich von all dem zunächst unbeeindruckt. 2600 Teilnehmer aus 46 Ländern werden in den Hallen vertreten sein. Und weil Leipzig – im Gegensatz zum reformbedürftigen Frankfurt – eine Messe für den sogenannten literarischen Endverbraucher ist, gibt es an den drei Tagen rund 3600 Lesungen an 500 Orten der Pleiße-Stadt. An diesen Tagen ist Leipzig die Stätte einer süßen Illusion, dass nämlich die Buchkultur der digitalen Welt die weise Stirn bietet und den Lebensrhythmus der Menschen vorgibt. Eine Studie hat ein weniger idyllisches Bild gezeichnet. Danach ist die Zahl der Buchkäufer von 2013 bis 2017 um 6,4 Millionen gesunken. Jeder zweite Deutsche kauft mittlerweile kein einziges Buch mehr. Dass der Umsatz dennoch nicht rapide gesunken ist, lag an den treuen Lesern. Sie kauften mehr Titel als bisher und waren auch bereit, höhere Preise zu bezahlen.



 Die jüngsten Wasserstandsmeldungen der Branche sind wieder beruhigender: Im Februar lagen die Umsätze 2,7 Prozent über denen des Vorjahres. 13,71 Euro musste zuletzt pro Buch bezahlt werden, 2,8 Prozent mehr als im Vergleichsmonat 2018. Und das in digitalen Zeiten mit ihrem Versprechen auf kostenfreie Zugänge zu den Texten dieser Welt! Warum also überhaupt der Gang in den Buchladen? Nur Leser wissen, warum man so etwas tut.