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Street-Art
Riesen-Denkmal für die Hüttenarbeiter

 Hendrik Beikirch 2014 bei der Arbeit in der Baggerstadt Ferropolis in Gräfenhainichen (Sachsen-Anhalt). Insgesamt hat er acht Graffiti-Porträts ehemaliger Bergleute des Tagebaus Golpa-Nord an die  Werkstatthallen gemalt. Das Neunkircher Porträt wird ähnlich aussehen.
Hendrik Beikirch 2014 bei der Arbeit in der Baggerstadt Ferropolis in Gräfenhainichen (Sachsen-Anhalt). Insgesamt hat er acht Graffiti-Porträts ehemaliger Bergleute des Tagebaus Golpa-Nord an die  Werkstatthallen gemalt. Das Neunkircher Porträt wird ähnlich aussehen. FOTO: picture alliance / dpa / dpa Picture-Alliance / Jan Woitas
Neunkirchen. Der Künstler Hendrik Beikirch ist weltweit für seine Fassaden-Porträts bekannt. Die Völklinger Bürger lehnten seine Kunst ab. Jetzt arbeitet er in Neunkirchen, am 23. August wird das Werk übergeben. Wie kam’s? Von Cathrin Elss-Seringhaus

Ein riesiger Kopf, ein von harter Arbeit gezeichnetes Gesicht, Fassaden-füllend. Das wär’s: Erinnerung an das Hüttenzeitalter und stolzes Gegenwartsbekenntnis, denn im Völklinger Weltkulturerbe gibt es seit 2011 die „Urban Art“-Biennale. Es war die Idee von Kurator Frank Krämer, ein öffentliches Sprayer-Kunstwerk zum Thema Hüttenarbeit in der Völklinger Innenstadt zu platzieren. Doch jetzt erntet jemand anders die Lorbeeren – Edda Petri, die Leiterin des noch jungen Kreativzentrums im Neunkircher Kutscherhaus. Und das kam so: Die Völklinger Verwaltungsspitze wünscht bekanntlich,  dass die Aktivitäten im Weltkulturerbe stärker in die Stadt hineinwirken. Also unterstützte das Amt für Wirtschaftsförderung Krämers Initiative. Doch die Stadt zog die Verantwortung nicht ganz an sich, sondern ließ Bürger mit entscheiden, die vom Stadtteilforum Nördliche Innenstadt, aus dessen Fonds das Kunstwerk hätte finanziert werden sollen. Das Votum fiel vernichtend aus: 20 zu 2, so lautete Ende Mai das Abstimmungsergebnis – gegen die Kunst von Hendrik Beikirch. Eines Mannes, der weltweit in der Streetart-Szene ganz vorne mitmischt. Beikirchs vergleichsweise bescheidenes Honorar: 7500 Euro, zuzüglich der Sachkosten, etwa für das Vorstreichen der Wand oder die Hebebühnen-Installation.

„Die Zeit war noch nicht reif“, so sieht das Krämer, der auf keinen Fall die Bürger kritisieren will. „Alle sagten, es ist eine Superidee, aber bitte nicht vor meiner Haustür.“ Seit Jahren sprayt der in Koblenz lebende Beikirch überlebensgroße Schwarz-Weiß-Porträts auf Wände und Hochhaus-Fassaden in New York, Südkorea oder Indien. In Deutschland erntete vor allem sein Projekt „Spuren“ in der Baggerstadt Ferropolis in Gräfenhainichen (Sachsen-Anhalt) mediale Aufmerksamkeit. Beikirch setzte damit ehemaligen Bergleuten ein Denkmal, bis  zu 14 Meter hoch sind die Gemälde auf den dortigen Werkshallen.  Wer zweifelte daran, dass diese Art von Industriezeitalter-Memorial bestens auch ins Saarland passen würde? Doch nach dem Stoppschild, das in Völklingen aufgestellt wurde, sah es ganz danach aus, als würde die Chance, Beikirch-Porträts im Land zeigen zu können, verpuffen.

Hätte nicht Edda Petri die Gelegenheit am Schopf gepackt. Sie steckte im Mai in Vorbereitungen für ein  eigenes kleines Straßenkunst-Event für Jugendliche („Light up! Neunkirchen“), kontaktierte Beikirch, holte sich das Okay von ihrem Oberbürgermeister Jürgen Fried (SPD). Und Beikirch war sofort bereit, das  Hüttenarbeiter-Projekt zu gleichen finanziellen Konditionen in Neunkirchen zu realisieren. Genau dies wird ab 16. August am Eckhaus Wellesweiler- und Bahnhofstraße passieren. Der Eigentümer des Mietshauses wird dann zum Eigentümer des Beikirch-Kunstwerkes.



Für Petri war wichtig, „dass wir für Neunkirchen eine eigene Arbeit mit einem authentischen Gesicht entwickeln. Gesucht und gefunden wurde Bodo Lutze (79), der früher im Neunkircher Eisenwerk beschäftigt war. Beikirch traf ihn bereits zu einem Foto-Shooting und fertigt jetzt Skizzen an, die er später auf die Wand überträgt. „Ich freue mich“, sagt er der SZ. Er hält das Neunkircher Gebäude für einen besonders geeigneten Ort mit „spannenden Sichtachsen“. Ihn reizt, „die Geschichte einer Gegend über Gesichter zu erzählen“. Dass ihm die Völklinger das nicht erlauben wollten, sieht er  „vollkommen entspannt“, er wäre jederzeit bereit, an anderer Stelle in Völklingen nochmal anzutreten, setzt auf „Lernprozesse“. „Wenn man  sieht, dass es in Neunkirchen funktioniert, hat man vielleicht eher den Mut“, so Beikirch. Er meint, um Kunst im öffentlichen Raum zu realisieren, brauche es Mitstreiter, die eine Vision teilten, so was könne man nicht erzwingen. Nach seiner Erfahrung ergibt sich die Akzeptanz oft im Prozess, durch die Nachbarschaft, die mit den Hausbewohnern und dem Umfeld entsteht, wenn er vor Ort arbeite. Der Zugang zur Kunst erfolge dann über „die emotionale Ebene“.

Genau das hält die Kutscherhaus-Chefin Petri für den entscheidenden Vorteil der Street-Art in einer Region, „wo viele Menschen Schwellenangst gegenüber etablierter Kunst und Galerien haben“. Petri freut sich zudem, dass ihr soziokulturelles Mini-Festival, das am 24. August stattfindet, nun ein derart prominentes Opening erhält. Denn die Beikirch-Arbeit wird am Tag zuvor eingeweiht.

23. August, 11 Uhr: offizielle Übergabe des Beikirch-Werkes. „Light up!-Neunkirchen“ am 24. August mit Sprayern und Sprayerinnen des Vereins „Die Saarlandstreicher“/Graffiti-Workshop (Anmeldung:  edda.petri@neunkirchen.de). Abends Open-Air-Konzert vor der Reithalle und DJ-Party.

 Edda Petri leitet das Kreativzentrum Kutscherhaus in Neunkirchen.  Foto: Stadt Neunkirchen/Brigitte Neufang-Hartmuth
Edda Petri leitet das Kreativzentrum Kutscherhaus in Neunkirchen. Foto: Stadt Neunkirchen/Brigitte Neufang-Hartmuth FOTO: Brigitee Neufang-Hartmuth / Brigitte Neufang-Hartmuth
 Der Deutsche Hendrik Beikirch (45) zählt zu den international bekanntesten Streetart-Künstlern.  Foto:dpa
Der Deutsche Hendrik Beikirch (45) zählt zu den international bekanntesten Streetart-Künstlern.  Foto:dpa FOTO: picture alliance / dpa / dpa Picture-Alliance / Money Sharma