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Büchner Preis
Terézia Mora mit Büchner-Preis geehrt

Ernst Osterkamp (l), Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, übergibt im Darmstädter Staatstheater den Georg-Büchner-Preis an die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora (r).
Ernst Osterkamp (l), Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, übergibt im Darmstädter Staatstheater den Georg-Büchner-Preis an die deutsch-ungarische Schriftstellerin Terézia Mora (r). FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Darmstadt. Büchner-Preisträgerin Terézia Mora äußert sich in ihrer Dankesrede besorgt über „hetzerische Reden“ in Deutschland.

Die Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin Terézia Mora hat am Samstag in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis 2018 erhalten. Die 47-jährige deutsch-ungarische Autorin wurde laut Jury-Begründung für ihre „eminente Gegenwärtigkeit und lebendige Sprachkunst“ ausgezeichnet, „die Alltagsidiom und Poesie, Drastik und Zartheit vereint“. Der Büchner-Preis gilt als renommierteste Literaturauszeichnung in Deutschland.

Mora kritisierte in ihrer Dankesrede im Darmstadter Staatstheater eine Veränderung der Debattenkultur. „Früher konnte ich sagen: Hetzerisches Reden findet in Deutschland wenigstens nicht auf Regierungsebene statt. Das kann ich so nicht mehr“, sagte sie. In den vergangenen Monaten habe sich die öffentliche wie die private Rede in Deutschland in eine Richtung radikalisiert, „die uns zu recht besorgt sein lässt“, sagte Preisträgerin. In Ungarn laufe zudem eine Debatte gegen den ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy (1950-2016) sowie andere als „linksliberal“ verschriene Künstler und überhaupt gegen jede Form von Intellektualität.

In ihren Romanen und Erzählungen widme sich Terézia Mora Außenseitern und Heimatlosen, prekären Existenzen und Menschen auf der Suche und treffe damit schmerzlich den Nerv der Zeit, heißt es in der Begründung der Jury. Schonungslos nehme sie die Verlorenheit von Großstadtnomaden in den Blick und lote die Abgründe innerer und äußerer Fremdheit aus. „Dies geschieht suggestiv und kraftvoll, bildintensiv und spannungsgeladen – mit ironischen Akzenten, irisierenden Anspielungen und analytischer Schärfe.“



Terézia Mora wurde am 5. Februar 1971 in Sopron, Ungarn, geboren und wuchs zweisprachig (Ungarisch-Deutsch) auf. Seit 1990 lebt sie in Berlin, wo sie Theaterwissenschaft und Hungarologie an der Humboldt-Universität studierte und das Drehbuch-Diplom der Deutschen Film- und Fernsehakademie erwarb. Mora arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Ungarischen, etwa von Werken von Péter Esterházy, István Örkény und Zsófia Bán.

Ihr Debut gab Mora 1999 mit dem mehrfach ausgezeichneten Erzählungsband „Seltsame Materie“ (1999). Der 2004 folgende Großstadtroman „Alle Tage“, dessen vielsprachig-nomadischer Held Abel Nema Höllenfahrten erlebt, wurde von der Kritik als literarisches Ereignis gefeiert. Sprachkraft und drastische Imagination charakterisieren auch Moras Romane „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) und „Das Ungeheuer“ (2013), die ersten zwei Bände einer Trilogie über das Leben des IT-Spezialisten Darius Kopp. Zuletzt veröffentlichte Mora 2016 den Erzählungsband „Die Liebe unter Aliens“.

Für „Seltsame Materie“ erhielt Mora 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis, der Roman „Das Ungeheuer“ wurde 2013 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Autorin hat weitere wichtige Preise gewonnen, etwa den Preis der Leipziger Buchmesse (2005), den Adelbert-von-Chamisso-Preis (2010), den Bremer Literaturpreis (2017) und den Roswitha-Preis (2018).

Der Büchner-Preis ist nach dem in Darmstadt aufgewachsenen Schriftsteller, Naturwissenschaftler und Freiheitskämpfer Georg Büchner (1813-1837) benannt. Er wurde erstmals 1923 vergeben, im vergangenen Jahr an den Lyriker Jan Wagner. Weitere Preisträger waren unter anderen Carl Zuckmayer (1929), Anna Seghers (1947), Max Frisch (1958), Günter Grass (1965), Peter Handke (1973), Erich Fried (1987), Sarah Kirsch (1996), Wilhelm Genazino (2004) und Marcel Beyer (2016). Das Preisgeld wird aufgebracht von der Bundeskulturbeauftragten, dem hessischen Kunstministerium und der Stadt Darmstadt.

Außerdem wurden bei der Preisvergabe der 72-jährige Frankfurter Kunsthistoriker Wolfgang Kemp mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und der 74-jährige österreichische Journalist, Schriftsteller und literarische Übersetzer Martin Pollack mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay geehrt. Pollak rief zur Einmischung auf, um die Meinungsfreiheit in Europa zu retten, die durch nationalistische Politiker etwa in Polen, Ungarn und Österreich bedroht sei. Laudatoren waren die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken und der Historiker Karl Schlögel. Merck- und Freud-Preis sind mit jeweils 20 000 Euro verbunden.