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Hörbuchbesprechung
„Strafe“ ist der Schlusspunkt

Strafe von Ferdinand Schirach
Strafe von Ferdinand Schirach FOTO: Der Hörverlag
Zweibrücken. Jurist Ferdinand von Schirach schließt mit dieser Kurzgeschichtensammlung seine Trilogie mit „Verbrechen“ und „Schuld“ ab. Das Werk besticht durch seine neutrale, nüchterne Sprache — die der Autor selbst in der Hörbuchfassung auch wunderbar zu Gehör bringt. Von Eric Kolling

Verbrechen, Schuld und zu guter letzt Strafe: Wer sich kriminell verhält, vor Gericht kommt und verurteilt wird, an dem wird genau diese Reihenfolge durchexerziert. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hat die drei Begriffe auch für seine Buch-Trilogie gewählt, die er unlängst abgeschlossen hat. Die Geschichtensammlung „Verbrechen“ machte ihn 2009 außerhalb der Juristerei erst so richtig bekannt, gleich im August 2010 folgte die Essay-Sammlung „Schuld“. Und jetzt der Kurzgeschichtenband „Strafe“, der zwölf Episoden enthält und vom Hörverlag inzwischen auch als Hörbuch veröffentlicht wurde.

Die Sammlung wirkt wie eine Aneinanderreihung von Plots für Hollywood-Thriller. Aus jeder dieser Geschichten, manche spielen über wenige Tage, andere über ein ganzes Leben, ließe sich ein Blockbuster machen. Von Schirach liefert nur das Gerüst, weil er die Handlung erneut so wertfrei und sachlich schildert (und durch seine gleichsam spröde wie mitreißend-einfühlsame Vorleseart), dass es alleine am Leser beziehungsweise Zuhörer liegt, sich sein Urteil zu bilden.

Klar ist dabei eines: Strafe ist relativ und längst nicht immer das, was die Justiz entscheidet. So spricht die in einer Geschichte einen kleinwüchsigen Mann wegen eines Formfehlers frei. Dabei fühlte er sich im Gefängnis erstmals wertgeschätzt, nachdem er wegen eher zufälligen Drogenbesitzes festgenommen worden war. Freispruch als Strafe? Nicht immer ist der Kriminelle die Hauptperson. So kreist eine Episode um eine Frau, die sich in Beziehungen schwertut, dann zur Schöffin bestellt wird. Sie verhandelt in einem Fall mit, in dem ein Mann seine Frau misshandelt und weint einmal so stark los, dass sie als befangen angesehen und der Beschuldigte freigesprochen wird. Seiner Frau schlägt er beim nächsten Eklat den Schädel ein. Ähnlich verläuft die Geschichte um eine Türkin, die sich vom engstirnigen Elternhaus lossagt und in einer Anwaltskanzlei anheuert. Dann muss sie ausgerechnet einen perversen Frauenhändler verteidigen.



Oder auch die Episode über Selbstjustiz. Eine Frau behauptet, sie hätte ihr Baby getötet. Eigentlich war es ihr vorbestrafter Mann – der sie in der Haftzeit nie im Knast besucht. Als sie wieder auf freien Fuß kommt, gibt es kein Wort der Entschuldigung. Also nutzt sie einen Moment, da er auf dem Balkon auf einer Leiter herumbalanciert und stürzt ihn in den Tod. Ist sie ein Monster?

Alle Episoden sind spannend, oft grausam und regen dazu an, sich mit moralischen Fragen aber auch solchen zu unserem Rechtssystem auseinanderzusetzen. Klar scheint immer nur eins: Egal wie das juristische Urteil ausfällt, dem Schicksal der Einsamkeit können die Protagonisten kaum entrinnen.

Ferdinand von Schirach: Strafe, ungekürzte Fassung gelesen vom Autor, Der Hörverlag, 262 Minuten,
ISBN: 978-3-8445-2877-0