| 20:43 Uhr

Musik
„Sehen Sie hier einen Rollstuhl?“

 Thomas Quasthoff feiert am 9. November seinen 60. Geburtstag.
Thomas Quasthoff feiert am 9. November seinen 60. Geburtstag. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin. Der Sänger Thomas Quasthoff erlebte eine einzigartige Karriere mit Triumphen und Umbrüchen. Am Samstag wird er 60 Jahre alt.

Ohne diesen Preis wäre er wohl nicht so weit gekommen, sagt Thomas Quasthoff ganz sachlich. Der Sieg im ARD-Wettbewerb Gesang 1988 öffnete dem jungen Mann, der „die Träne im Ton“ hatte, wie es Sopranistin Anneliese Rothenberger einmal sagte, den Sprung zu einer Weltkarriere. Eine Karriere, die er für sein Publikum viel zu früh beendete und nach der sich der Sänger neu erfinden musste.

Wenn Quasthoff am Samstag 60 Jahre alt wird, will er nicht zurückblicken – und auch nicht feiern. „Wir gehen mit meiner Familie essen.“ Quasthoff neigt nicht zur Sentimentalität, wenn er über sich erzählt. Ja, er habe mit allen großen Dirigenten gesungen. Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Mariss Jansons, Simon Rattle, Helmuth Rilling. Oper und Oratorien, Liederabende. Mahler, Schubert, Brahms, „Parsifal“ und die „Matthäus-Passion“. Viele Preise bekam er, darunter drei Grammys. Ein wenig Stolz schwingt da schon mit, verklärend ist es nicht.

Als „Contergan“-Kind zur Welt gekommen, hat Quasthoff seine Behinderung nie als Nachteil für seinen Beruf gesehen. Klar, er werde älter, die Contergan-Schädigung hinterlasse Spuren. „Mein Rücken ist nicht mehr so fit wie früher.“ Vor Jahren habe die Prognose gelautet, dass er im Rollstuhl sitzen werde. „Sehen Sie hier einen Rollstuhl? Ich kann immer noch zu Fuß gehen. Und dafür bin ich irrsinnig dankbar.“



Dass er eine besondere Stimme hat, wusste der in Hildesheim geborene Quasthoff früh. Weil er aber wegen seiner kurzen Arme und Beine nicht gut Klavier spielen kann, wurde er zunächst vom Musikstudium ausgeschlossen. In Hannover studierte er Gesang und Jura, begann als Sprecher beim NDR. 1987 gewann er den Würzburger Mozart-Wettbewerb, 1988 dann bei der ARD. Mit seinem warmen Bassbariton, mit dem er zuweilen Tenorhöhen erreichte, doch vor allem mit seinen klugen Interpretationen sorgte er fortan als Lied­interpret für Furore. Mit schönem Singen rühre man Menschen aber nicht, man müsse auch etwas zu sagen und zu wagen haben. Seine Behinderung wurde auf der Bühne zum Symbol für die Verletzlichkeit.

Mit unbändiger Energie ließ er sich auf die Rollen ein, ob als Gralshüter Amfortas im „Parsifal“ oder als Minister im „Fidelio“. Doch 2010 erlebte er einen Bruch. Sein Bruder Michael, dem er sehr nahe stand, starb mit 52 Jahren an Krebs, seine Mutter war ein dreiviertel Jahr vorher gestorben, Quasthoff erlebte eine Ehekrise. Da blieb plötzlich die Stimme weg.

Die Stimmbänder waren völlig in Ordnung, das wusste Quasthoff. „Ich habe eine verletzte Seele gehabt.“ So entschied er sich, ein neues Leben zu beginnen – und kehrte der klassischen Musik als Interpret den Rücken. Fortan wollte er nur Jazz singen. In den Titeln etwa aus dem Great American Songbook oder den Bernstein-Songs entdeckte er eine neue Freiheit. „Da kann ich Tonarten wählen, die zu mir passen.“

Die Entscheidung, mit der Klassik aufzuhören, sei genau richtig gewesen, die beste seines Lebens. 2004, zur Verleihung des Alternativen Nobelpreises, sang er mit der Berlin Philharmonic Jazz Group. Der Trompeter Till Brönner saß im Publikum, beim ersten Treffen wurde die Idee für eine gemeinsame Jazz-CD geboren. Doch ganz hat er die Brücken zur Klassik nicht eingerissen. 2020 wird er auf Einladung von Daniel Barenboim, den Quasthoff gegen alle Angriffe der jüngsten Zeit verteidigt, in Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ an der Berliner Staatsoper in einer Sprecherrolle auftreten. Als Lehrer an der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ bildet er Sänger für „den schönsten Beruf der Welt“ aus. Doch unterwegs ist er vor allem als Jazz-Sänger.