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Filmfest in Locarno geht zu Ende
Spannender Endspurt bei der Leoparden-Jagd

 Johanna Wokalek (Mitte) in einer Szene des Films „Freiheit“. Die Hauptdarstellerin wird beim Fimfestival in Locarno hoch gehandelt als beste Schauspielerin.
Johanna Wokalek (Mitte) in einer Szene des Films „Freiheit“. Die Hauptdarstellerin wird beim Fimfestival in Locarno hoch gehandelt als beste Schauspielerin. FOTO: Tilo Hauke / dpa
Locarno. Bei dem diesen Samstag zu Ende gehenden 70. Filmfestival Locarno hat das deutsche Kino Chancen auf mindestens eine Auszeichnung.

(dpa) Ob in den Cafés unter den Palmen am Schweizer Ufer des Lago Maggiore oder in den stets langen Schlangen vor den Kinos: in Locarno wird derzeit überall spekuliert, wer an diesem Samstagabend den „Goldenen Leopard“ des 70. internationalen Filmfestivals bekommt. Zwei Namen fallen dabei besonders oft – die der Schauspielerin Johanna Wokalek aus Deutschland und ihres US-amerikanischen Kollegen Harry Dean Stanton.

Johanna Wokalek gilt unangefochten als Favoritin für die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Ihr feinnerviges Porträt einer 40-Jährigen auf der Flucht vor sich selbst im Familiendrama „Freiheit“ von Regisseur Jan Speckenbach bekam einhelligen Beifall. Hollywood-Alt-Star Harry Dean Stanton hat als 90-jähriger philosophischer Kauz in der melancholischen Komödie „Lucky“ (Regie John Carroll Lynch) begeistert. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass er nicht als bester Schauspieler geehrt wird.

Weit auseinander gehen hingegen die Meinungen, welcher Film den Hauptpreis, den „Goldenen Leoparden“, gewinnt. Von den 18 Beiträgen des „Concorso Internazionale“ kommen einige in Frage. Was für die Qualität des Wettbewerbs spricht. Die Jury unter Vorsitz des französischen Regisseurs Olivier Assayas („Carlos – Der Schakal“), prominent besetzt auch mit der österreichischen Schauspielerin Birgit Minichmayr („Alle anderen“), hat die Qual der Wahl.

Soll gutes Erzählkinos ausgezeichnet werden, haben „Freiheit“ und „Lucky“ gute Chancen. Wollen die Juroren stilistischen Wagemut prämieren, dürften die französisch-portugiesische Gesellschaftsparabel „9 Finger“ (Regie F.J. Ossang) oder die chinesische Lovestory „Libellenaugen“ von Xu Bing weit vorn in der Jury-Gunst liegen. Bevorzugen die Juroren jedoch politisch ambitioniertes Kino, könnte der filmische Anti-Rassismus-Essay „Hast Du drüber nachgedacht, wer geschossen hat?“ vom US-Amerikaner Travis Wilkerson den Hauptreis erhalten. Dann hat aber ebenso die palästinensische Vater-Sohn-Geschichte „Pflicht“ gute Chancen.

Gleich mehrere Filme kommen für die Auszeichnung mit dem begehrten Publikumspreis in Frage. Er wird an einen der außerhalb des Wettbewerbs gezeigten Filme der abendlichen Freiluftaufführungen auf der Piazza Grande vergeben. Deutschland darf hoffen: Das Historienepos „Iceman“ („Der Mann aus dem Eis“) mit Jürgen Vogel als „Ötzi“ und das Familiendrama „Drei Zinnen“ mit Alexander Fehling liegen in Locarno gut im Rennen.



Doch auch die Piazza-Konkurrenz ist stark. Kandidaten für den Publikumspreis sind zudem das französische Drama „Lola Pater“ mit Fanny Ardent, das US-amerikanische Action-Spektakel „Atomic Blonde“ mit Charlize Theron, die italienische Tragikomödie „Liebesgeschichten, die nicht von dieser Welt sind“ mit der in ihrer Heimat durch das Fernsehen sehr populären Schauspielerin Lucia Mascino und die US-amerikanische Romanze „The Big Sick“.

Doch es ist genauso möglich, dass die Jury und das Publikum an den Erwartungen vorbei entscheiden. Sicher ist derzeit nur: Die nunmehr 70. Ausgabe des nach Cannes, Berlin und Venedig wichtigsten Filmfestivals der Welt hat eine reiche Filmernte gebracht. Ob unterm strahlenden Sternenzelt, ob im Regen oder in den Kinosälen: Locarno hat sich zum Jubiläum von seiner besten Seite gezeigt und vielfach schönsten Kino-Zauber entfaltet.

Das Drama „Drei Zinnen“ des deutschen Regisseurs Jan Zabeil ist in Locarno ein Favorit für den Publikumspreis.
Das Drama „Drei Zinnen“ des deutschen Regisseurs Jan Zabeil ist in Locarno ein Favorit für den Publikumspreis. FOTO: Urs Flueeler / dpa
(dpa)