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Welterbe-Bewerbung der Schum-Städte
Der Golem kehrt nach Worms zurück

Die von dem Wormser Künstler Klaus Krier geschaffene Golem-Grafik, mit der das Projekt der Schum-Städte auf dem Weg zum Unesco-Welterbe weiter voran gebracht werden soll.
Die von dem Wormser Künstler Klaus Krier geschaffene Golem-Grafik, mit der das Projekt der Schum-Städte auf dem Weg zum Unesco-Welterbe weiter voran gebracht werden soll. FOTO: dpa / Klaus Krier
Worms. In Prag gehört der Golem zum festen Angebot der Souvenirläden. Kaum jemand weiß, dass die mystische Gestalt ihren Ursprung im mittelalterlichen Judentum der Stadt Worms hat. Jetzt soll die Figur den Welterbe-Antrag von Speyer, Worms und Mainz unterstützen.

Eine sagenumwobene Figur der jüdischen Mystik soll alte Mauern wieder neu beleben: Mit dem Golem will die Initiative zur Bewahrung der jüdischen Geschichte von Speyer, Worms und Mainz Altes wieder zum Sprechen bringen. „Wir zeigen, dass in den einzigartigen Monumenten auch einzigartige Gedanken entstanden sind und diskutiert wurden“, sagt die Geschäftsführerin des Schum-Städte-Projekts, Susanne Urban.

Schum bezeichnet die jüdische Tradition von Speyer, Worms und Mainz – nach den hebräischen Anfangsbuchstaben Schin für Schpira (Speyer), Waw für Warmaisa (Worms) und Mem für Magenza (Mainz). Im Sommer 2021 soll das Welterbe-Komitee der Unesco über die Aufnahme der Schum-Städte entlang des Rheins entscheiden.

Bekannt geworden ist vor allem die Geschichte vom Prager Golem – im 16. Jahrhundert entstanden unter dem Eindruck von Vorurteilen und Verfolgung. Die Legende weiß vom Traum eines jüdischen Rabbi mit dem Auftrag: „Schaffe du aus Lehm einen Golem und überwinde das feindselige Pack, welches den Juden Übles will!“ Heute ist der Golem in Prag ein beliebtes Mitbringsel für Touristen.



Wenig bekannt ist jedoch, dass der Golem-Mythos seinen Ursprung in Worms hat. Und auch dort prägte die Erfahrung von Gewalt und Unterdrückung die Idee vom Golem: Die Familie des Gelehrten Eleazar ben Jehuda Kalonymos wurde im Februar 1196 von Kreuzfahrern in Worms überfallen. Seine Frau Dulcia, die sechs Jahre alte Hanna und die 13-jährige Bellet wurden ermordet. In einem Kommentar zu einem antiken Buch der Schöpfung, so erklärt es Schum-Geschäftsführerin Urban, habe Eleazar danach „Buchstaben und Zahlenkombinationen so ausgelegt, dass man daraus Materie schaffen könnte“. So entstand der Golem als Figur, die dem Menschen schützend und beratend zur Seite steht.

Der aus Mainz gebürtige Rabbiner Eleazar war von kabbalistischen Ideen der jüdischen Mystik geprägt, zu denen auch die Zuordnung von Zahlen zu den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets gehört. „Aus Buchstaben und Zahlenwerten wurden Spekulationen abgeleitet über das Wesen Gottes und seine Wirkweisen“, erklärt der Mainzer Judaistik-Forscher Andreas Lehnardt, der gerade an einer Publikation über die mittelalterlichen Grabsteine auf dem alten jüdischen Friedhof in Mainz arbeitet. Wichtige Anstöße habe Eleazar von seinem Lehrer Jehuda ben Samuel erhalten, genannt Jehuda he-Chassid (Jehuda der Fromme) – dieser vermutlich in Speyer geborene Philosoph reagierte mit einer tiefen asketisch-spirituellen Frömmigkeit auf die blutigen Judenverfolgungen.

„Eleazar hatte etwas verloren und wollte aus dieser traumatischen Erfahrung heraus selbst einen Schöpfungsakt vollziehen, etwas schaffen, was nicht mehr zerstört werden kann“, sagt Urban. Das Ergebnis, der Golem, habe in vielfältiger Gestalt die Kulturgeschichte beeinflusst. „Man trifft ihn überall“, sagt Urban, „als Superman wie in der Künstlichen Intelligenz.“ Zu den Kennzeichen des Golems gehöre, dass dieses Wesen nie eine eigene Sprache habe und auch keine eigene Seele. Darin liege der entscheidende Unterschied zu der nur Gott zugeschriebenen Schöpferkraft.

Um das Projekt der Schum-Städte am Rhein auf dem Weg zum Unesco-Welterbe weiter voranzubringen, hat nun der Wormser Künstler Klaus Krier eine Golem-Grafik geschaffen, mit der Eleazar wieder in ein breites Bewusstsein gerückt werden soll. Die in Worms entstandene Idee des Golems sei Ausdruck der „unglaublichen geistigen Kreativität“ von Gelehrten der Schum-Kultur, erklärt der Wormser Oberbürgermeister Michael Kissel (SPD). „Wir sind immer wieder erstaunt, welche Ideen in den mittelalterlichen jüdischen Bauten erdacht und diskutiert wurden. All dies ist wahrhaft welterbewürdig.“

Ende November soll auf der Webseite der Schum-Städte ein eigener Bereich für den Golem eingerichtet werden, zusammen mit Unterrichtsmaterial. Die Bildungsarbeit ist ein wesentliches Kriterium für die Anerkennung als Unesco-Welterbe. Der Antrag dafür soll im September 2019 eingereicht werden. „Wir sind voll im Zeitplan“, sagt Urban. Einer Tagung des internationalen wissenschaftlichen Beirats des Schum-Projekts in Mainz folgt am Donnerstag ein Workshop zur Planung von Besucherzentren in den Schum-Städten. „Es geht gerade richtig los.“