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Oper im Kino
Große Oper auf der Leinwand

Saarbrücken. Mit Übertragungen aus berühmten Opernhäusern haben sich Kinos einen neuen Markt erobert, auch in Saarbrücken. Von Christoph Forsthoff

4000 britische Pfund für ein Opernticket! Der Londoner Schwarzmarkt blühte, als vergangene Spielzeit das Stimm-Traumpaar Anna Netrebko und Jonas Kaufmann im Royal Opera House (ROH) in Verdis „Die Macht des Schicksals“ für den Saison-Höhepunkt sorgte. Deutlich günstiger genossen indes Tausende deutscher Opern-Fans das Spektakel: Keine 30 Euro kosteten die meisten ihrer Tickets – sie verfolgten die Starsänger in Christof Loys Inszenierung via Live-Übertragung in einem von rund 200 Kinos zwischen Flensburg und Kempten.

Musiktheater auf der Leinwand? Was 2006 mit der „Live in HD“-Serie der Metropolitan Opera (Met) in New York begann, hat sich inzwischen zu einem kleinen, doch stetigen Wachstumssegment im Bereich „Event Cinema“ entwickelt. Allein hierzulande wird durch Übertragungen aus Opernhäusern, Salzburg und Bayreuth oder von den Wiener Philharmonikern ein Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro erzielt – wobei rund 90 Prozent dieser Summe auf die drei großen Player im Opern-, Ballett- und Klassik-Geschäft entfällt: Zwölf Produktionen sendet das ROH in dieser Saison in die (Kino-)Welt, zehn Inszenierungen kommen aus New York und mit sieben Stücken ist das Moskauer Bolschoi Ballett im digitalen Geschäft dabei.

Der Vorteil eines solchen Kino-Besuchs liegt für Thomas Schülke dabei nicht allein in den deutlich günstigeren Kartenpreisen: „Man bekommt die absolute Weltspitze zu sehen, statt des immer gleichen Blickwinkels aus Parkett oder Rang sorgt die Kamera für ein dynamisches Film-Erlebnis und obendrein kann man direkt in die Gesichter der beteiligten Künstler schauen“, sagt der Geschäftsführer der PR- und Marketingfirma Cinema Consult. Während in Deutschland rund zwei Prozent des Gesamtumsatzes im Kinomarkt durch Event-Cinema-Aktivitäten erzielt werden, sind es in England bereits drei Prozent – Tendenz steigend. Mit dem Ergebnis, dass die Gesamtbesucherzahl der weltweiten Übertragungen in den Filmtheatern mit mehr als einer Million Menschen inzwischen jene der tatsächlichen Gäste im Royal Opera House deutlich übertrifft: Rund 670 000 Opernfans kamen vorige Saison in das imposante Haus im Stadtteil Covent Garden.



Hier wie da sind es vor allem Opern-Liebhaber, die es in die Vorstellungen zieht – und nicht wenige Kinobesitzer haben sich auf diese neue Besucherklientel eingestellt: Erscheinen doch viele in Anzug und Abendkleid – passend dazu erwartet sie ein Glas Sekt zum Empfang, manch Eigentümer begrüßt die Gäste gar persönlich, und statt Popcorn werden in der Pause üppig belegte Canapés gereicht. Denn auch wenn das Kino zur Popularisierung der hehren Kunst des Musiktheaters beitrage und zumindest in Teilen ein neues Publikum heranführe, so Schülke, gehe es letztlich natürlich auch darum, den „Ausnahmestatus“ dieser Kunstform zu unterstreichen. Ohne indes damit Neulinge und Neugierige abzuschrecken: „Im Kino ist nicht nur ob der im Verhältnis günstigen Kartenpreise die Hemmschwelle für einen Opernbesuch einfach geringer.“

Eigenarten, über die Sir Antonio Pappano hinwegsieht – für den ROH-Chefdirigenten ist anderes viel entscheidender im Ringen um die Besucher von morgen: „Das Kinoerlebnis ist eine fantastische Möglichkeit, die Oper einmal zu erschwinglichen Preisen auszuprobieren und darüber vielleicht eine lebenslange Liebe zu dieser Kunstform zu entwickeln“, hofft der 59-Jährige. Umgekehrt bescherten die Live-Übertragungen dem Briten und seinem Orchester stets eine ganz besondere Spannung: „Zu wissen, dass Menschen auf der ganzen Welt zuschauen, verpasst den Künstlern und mir einen ungeheuren Adrenalinschub.“

Und dem Opernhaus selbst die Möglichkeit zur Mehrfachverwertung, wie ROH-Übertragungs-Chef Edgar Kamga nüchtern einräumt: „Ergibt sich die Gelegenheit, so werden die Kino-Ausstrahlungen später auf DVD veröffentlicht und im Fernsehen ausgestrahlt.“ Schließlich geht jedem Kino-Termin eine mehrwöchige Vorbereitung voraus, braucht es am Abend der Live-Sendung selbst bis zu zwölf Kameras samt Regisseur, der über die Einstellungsauswahl entscheidet, zudem drei Tontechniker, die mehr als hundert Tonspuren mischen – um dann das Ergebnis via Satellit oder Breitband-Internet-Verbindung in alle Welt zu schicken.

Ein ziemlich kostspieliger Aufwand – genaue Zahlen und Summen tauchen in keinem Geschäftsbericht der drei großen Opernhäuser auf und auch auf Nachfrage ist kaum mehr zu erfahren. Doch zumindest für die „Big Three“ scheint die digitale Opernwelt eine lohnende Investition in die Zukunft: Die Vorstellungen aus New York erreichten in der letzten Spielzeit mehr als 2,3 Millionen Menschen in aller Welt – und bescherten Met-Intendant Peter Gelb mit jeder Kino-Übertragung einen Millionen-Gewinn.

Am 12. Oktober zeigt das Cinestar-Kino Saarbrücken „Turandot“ von Puccini aus der Metropolitan Opera New York.