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Rosinante & die Rosinen des Glücks

Ein zu Lebzeiten von Cervantes entstandenes Porträt. Foto: dpa
Ein zu Lebzeiten von Cervantes entstandenes Porträt. Foto: dpa FOTO: dpa
Madrid. Vor einigen Jahren kürte ein Großaufgebot zeitgenössischer, über die ganze Welt verteilter Autoren Miguel de Cervantes ' "Don Quijote" in einer Umfrage zum wichtigsten Roman aller Zeiten. Tatsächlich hat die 1605 und 1615 in zwei Teilen erschienene Geschichte des unglückseligen Ritters von der traurigen Gestalt, Don Quijote von der Mancha, und seines Knappen Sancho Pansa auch 400 Jahre nach Erscheinen nichts eingebüßt von ihrem Witz, ihrer erzählerischen Virtuosität, vor allem aber ihrem idealistischen Furor: Quijote weigert sich, die schnöde Realität in den Weiten Kastiliens, wo die große Abenteuersause abgespult wird, als maßgeblich anzuerkennen. Er nimmt sich die Freiheit, die Dichtung als höhere Wirklichkeit zu begreifen und danach zu leben: Das macht ihn zum Anarchisten und zum großen Kind, das mit einem verqueren, bauernschlauen Lehrling an der Seite auszieht, die Welt von seiner spielerischen Lesart der Dinge zu überzeugen. Christoph Schreiner

1547 in einem kleinen Dorf bei Madrid geboren, schlug sich Cervantes als Kammerdiener und Infanterist in Diensten der Armada durch, wurde 1571 verwundet und später von muslimischen Piraten nach Algier verschleppt, wo er fünf Jahre inhaftiert war, um danach lieber von der Schriftstellerei leben zu wollen. Als 1605 der erste Teil des Don Quijote erschien, erfuhr Cervantes endlich die erhoffte literarische Resonanz: Auf Märkten führten Gaukler bald danach einzelne Szene seines epochalen Werkes auf - Auftakt einer bis in unsere Zeit reichenden, buchillustratorischen wie filmischen Visualisierung der Traumwandlereien Quijotes, des selbsternannten Retters der Hilflosen und Bedrängten auf seinem klapprigen Gaul Rosinante.

Cervantes selbst, der am 23. April 1615 mittellos in Madrid dahinschied, hat sein letztes, zu Lebzeiten erschienenes Werk, "Die Mühen und Leiden des Persiles und der Sigismunda" als sein Hauptwerk betrachtet. Verbunden bleiben aber wird er wohl auf immer mit seinem "Quijote".