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Skulpturenprojekt in Metz und Saarlouis
Robert Schads „stahlweiche“ Sprache

Metz/Saarlouis. „Deux Villes – zwei Städte“ ist ein zeitgleich in Metz und Saarlouis zu sehendes Skulpturenprojekt überschrieben, das insgesamt 35 Großskulpturen des Stahlbildhauers Robert Schad in beiden Städten postiert. Ein Kunstdialog, der viel Resonanz verdient. Von Christoph Schreiner

Hier unten im Wallgraben, einer weiten Parkanlage, die sich in Saarlouis am Vauban’schen Festungsgraben entlangschlängelt und mit altem Baumbestand gesegnet ist, liegen, räkeln und strecken sich drei, vier Stahlskulpturen Robert Schads im ausgedörrten Wiesengrund. Wer nie hier war, wird wohl glauben, dass sie hier zuhause und mit der weiten Parklandschaft über die Jahre verwachsen sind – so nahtlos fügen sie sich ein in das Umfeld mit dem geschwungenen Festungsgraben. Stutzig machen würde allenfalls der ausgerollte Jung-Rasen, aus dem sie emporragen. Tatsächlich aber sind die gleichermaßen konstruktiven wie expressiven Stahlgebilde hier nur zu Gast.

Als Schad, einer der arrivierten deutschen Stahlbildhauer, 2017 die QuattroPole-Städte Saarbrücken, Luxemburg, Metz und Trier anfragte, ob sie seine großformatigen, rostfarbenen Skulpturen als städte- und länderübergreifenden Reigen ausstellen wollten, erhielt er aus Metz eine Zusage, während Trier abwinkte und mit Luxemburg und Saarbrücken ermüdende Verhandlungen einsetzten, die sich zuletzt zerschlugen. Als das ganze Projekt bereits zu scheitern drohte, sprang Saarlouis ein. Dank der Vermittlungshilfe des dort beheimateten Instituts für aktuelle Kunst, einer der ersten Adressen im Saarland für nachhaltige Kulturarbeit, die wissenschaftlich Hand und Fuß hat. Institutsleiter Jo Enzweiler kennt Schad seit Jahrzehnten – weshalb sein Institut das Projekt ohnehin in Katalogform dokumentieren sollte. Enz­weiler suchte (und fand) Sponsoren, um den Saarlouiser Schad-Parcours finanziell zu stemmen. Ein Glücksfall für die Stadt.

Seit Mitte Juni sind nun, über die Stadt verteilt, 18 der ungeachtet ihres enormen Gewichts grazil anmutenden Schad-Skulpturen aufgestellt – dank eines Faltblatts mit Lageplan lässt sich der Kunst-Parcours in den kommenden Monaten gut ablaufen. Mit dem Wallgraben und Stadtgarten als Kern, wo alleine acht der teils gut zwölf Meter in die Höhe schießenden stählernen Raumzeichnungen verstreut sind. So abwegig es ist, in Saarlouis nun lauter Kunstpilger zu erwarten, die sie gemessenen Schrittes abschreiten – die sich auftuende Möglichkeit, Kunst tatsächlich einmal haptisch zu studieren, sollte man nicht geringschätzen. Man begreift dies zumal, wenn man zunächst die kleine Schad-Schau im Institut für aktuelle Kunst besucht, wo neben sechs kleineren Stahlobjekten auch fünf „Zeichnungen“ hängen: Auf weiß grundiertem Stahlblech heben sich in maximaler Trennschärfe hieroglypenartige schwarze Lacklinien ab. Während im Institut Markierungen am Boden den betrachterüblichen Abstand einfordern, lassen sich die Schad-Verschlingungen im Stadtraum nicht nur durchmessen, man kann ihre charakteristischen Drehungen und schweißnahtlos glatt geschliffenen Verbindungsknoten auch einer Braille-Schrift gleich abtasten.



Was aber dieses Skulpturenprojekt vor allem zu etwas Besonderem macht, das ist der Städtedialog, den es in Gang gesetzt hat. Zeitgleich zeigt Metz weitere 21 Cortenstahl-Arbeiten Schads. Indem sie sich hier wie dort teils aus der historischen Kulisse der Vauban’schen Festungsanlagen beider Städte herausschälen, liefert der Kunstdialog dieses „Deux Villes“-Projekts insoweit gleich noch einen gemeinsamen historischen Subtext mit. Dass der saarländische Ministerpräsident die Schirmherrschaft übernahm, nimmt nicht Wunder. So nahtlos wie hier eingelöst, gelingen solche grenzüberschreitenden Brückenschläge ansonsten bekanntlich nicht allzuoft.

Der gebürtige Ravensburger Schad (65), der in Larians in der Haute-Saône einen Skulpturenpark unterhält, hat für „Deux Villes“ 35 seiner bis dato 57, in seiner zweiten Wahlheimat Portugal zusammengeschweißten Stahlmonumente ausgewählt. Mit den Stadtverwaltungen von Metz und Saarlouis im Schlepptau, hat er auf diversen Stadterkundungen ihre Standorte ausgesucht. Ehe die Bauhöfe beider Städte dann die nicht eben simple Aufstellung der tonnenschweren Gebilde übernahmen. Seinen Werken, hat Schad einmal gesagt, sei etwas Antipodisches eingeschrieben: Stünden sich darin doch „konstruktive Starre und Lebendigkeit, das optisch Leichte und das physisch Schwere gegenüber“. Tatsächlich zehren sie genau von diesem ausgeklügelten Spiel mit Gegensätzlichkeiten, das er ästhetisch (zumeist) auf bezwingende Weise aufzulösen weiß.

Begleitausstellungen in Metz und Saarlouis. 1) Saarlouis: Institut für aktuelle Kunst, „Robert Schad – Skulpturen und Zeichnungen“, bis 12.10. (Dienstag-Freitag: 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung, Telefon (0 68 31) 46 05 30); 2) Metz: Porte des Allemands, „Constellations de Metz – Parcours Robert Schad“, bis 16. September. www.constellations-metz.fr.

Schads Skulptur „Cabukke“ im Saarlouiser Wallgraben, leider nun von einem etwas oberhalb aufgestellten Bauzaun grausam attackiert. 
Schads Skulptur „Cabukke“ im Saarlouiser Wallgraben, leider nun von einem etwas oberhalb aufgestellten Bauzaun grausam attackiert. 
Blick auf die fünf Wandbilder Schads (Lack auf Stahlblech), die Teil einer kleinen Ausstellung im Saarlouiser Institut für aktuelle Kunst sind.
Blick auf die fünf Wandbilder Schads (Lack auf Stahlblech), die Teil einer kleinen Ausstellung im Saarlouiser Institut für aktuelle Kunst sind.
Robert Schads „Ganart“ an der mittelalterlichen Porte des Allemands in Metz – benannt nach dem Hospital des Deutschen Ordens, das dort um 1210 entstand.
Robert Schads „Ganart“ an der mittelalterlichen Porte des Allemands in Metz – benannt nach dem Hospital des Deutschen Ordens, das dort um 1210 entstand. FOTO: Institut für aktuelle Kunst, Saarlouis