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Interview mit Reinhold Messner
„Es geht um Herausforderungen“

 Bergsteiger Reinhold Messner in der Antarktis – eines seiner „Verzichtabenteuer“.
Bergsteiger Reinhold Messner in der Antarktis – eines seiner „Verzichtabenteuer“. FOTO: dpa / Bernhart
Himalaya, Verlust und „Ökochonder“: Reinhold Messner über extreme Orte und Situationen. Am Donnerstag hält er einen Vortrag in Saarbrücken. Von Sophia Schülke

Seine Geschichten ziehen Schönwetterspaziergänger ebenso an wie Alpinisten, die selbst Achttausender erklimmen: Am kommenden Donnerstag, 12. März, blickt Reinhold Messner, 75, in der Saarbrücker Congresshalle in einem Vortrag auf Meilensteine des Bergsteigens am Nanga Parbat. An dem 8125 Meter hohen Himalayagipfel, einem der menschenfeindlichsten Berge der Welt, erlebte er 1970 aber auch eine persönliche Tragödie.

Sie bezeichnen den Nanga Parbat als Schlüsselberg. Warum?

MESSNER Ich habe an diesem Berg meine Erfahrungen gemacht, über die Menschen, die an diesem Berg unterwegs sind. Mich interessieren im Vortrag die technischen Sachen nicht, sondern das Verhältnis von Mensch und Berg. Woher kommt diese Begeisterung? Warum macht jemand etwas völlig Widersinniges und begibt sich freiwillig in diese Gefahr, um nicht umzukommen? Das sind die großen Fragen.



Das betrifft Sie ja hautnah. Was hat Sie denn auf die Gipfel aller 14 Achttausender hoch getrieben?

MESSNER Das kann man nicht einfach in Worte fassen, sonst kommt es plump daher. Ich spreche in meinem Vortrag darüber, und am Ende ist es den Leuten klar. Ich bin als Kind im Gebirge groß geworden, wurde zum guten Kletterer und habe immer größere Berge bestiegen. Meine erste große Expedition führte mich zum Nanga Parbat, aber nicht allein wegen dieses Berges, sondern wegen der höchsten Wand der Welt. Es geht um Herausforderungen, die wir selbst erfinden. Wir wissen schon, das Ganze ist nutzlos, aber wir machen es uns sinnvoll.

Am Nanga Parbat ist 1970 dieses Drama passiert, bei dem Sie Ihren Bruder verloren haben. Warum sind Sie noch mehrfach auf den Berg zurückgekehrt?

MESSNER Ich bin noch ein dutzend Mal zurückgekehrt, habe Expeditionen unternommen, Gruppen hingeführt. Aber ich habe auch meine Brüder und meine Schwester an den Fuß des Berges geführt, wo mein Bruder umkam, damit wir gemeinsam Abschied nehmen können. Wir Menschen haben ja dieses Bedürfnis.

Hat es Ihrer Familie geholfen, diesen Ort zu sehen?

MESSNER Ja, das hat der Familie geholfen. Ich war dort, um nach meinem Bruder zu suchen und hatte später, als meine Familie an den Berg kam, mit dieser Geschichte mehr oder weniger abgeschlossen. Aber meine Brüder hatten Probleme, weil sie nicht dabei waren. Sie mussten es sehen und erfahren, und dann konnten sie auch Abschied nehmen.

Später hat Sie es in die Antarktis gezogen. Was geht einem in dieser Eiswüste durch den Kopf?

MESSNER Da hat man den Kopf frei, kann neue Projekte entwickeln oder sich völlig von der Erde lösen. Man ist wie auf einem anderen Stern, es ist immer kalt, minus 30, 40 Grad, windig und die Sonne geht bei schönem Wetter nie unter. Das war eine weitere Herausforderung. Mit Arved Fuchs habe ich die Antarktis in 92 Tagen durchquert. Da lebt man in einem eigenen Rhythmus. Schlafen, essen, warten, gehen, ankommen, Zelt aufbauen, Zelt abbauen, und weiter. Ich bezeichne meine Abenteuer auch als Verzichtabenteuer, das habe ich mit erfunden. Alles, was ich brauche, ist in meinem Rucksack, damit ich schneller weiterkomme.

Viele der hohen Berge haben Sie im Alpinstil begangen, also ohne Sauerstoff, Zwischenlager und Träger.

MESSNER Ja, der Kostenfaktor war wesentlich. Ich hätte nie so viele Expeditionen unternehmen können, wenn meine Expeditionen, wie die von anderen zum Mount Everest, nach heutiger Währung eine halbe Million Euro gekostet hätten. Ich habe Expeditionen für umgerechnet 10 000 Dollar gemacht. Ich verlange nicht, dass die Leute das nachmachen, aber wenn sie nachmachen würden, dass Verzicht der Schlüssel zum Erfolg ist, dann hätten wir die Umweltprobleme gelöst. So lange wir eine Konsumgesellschaft sind, werden wir sie nicht lösen.

Populismus findet sich auch in der Klimadebatte. Sie sagten einmal, Sie fürchten sich vor einer Spaltung in Klimaverweigerer und „Ökochonder“. Droht ein Öko-Bürgerkrieg?

MESSNER Aller Fundamentalismus ist gefährlich, ob politisch links oder rechts, radikales Gedankengut ist immer bedrohlich. Und wenn radikales Gedankengut gegeneinander stößt, kriegen wir früher oder später Faschismen.

Sind Ihnen die Aussagen von Greta Thunberg zu radikal?

MESSNER Ich finde es großartig, dass sie dieses Nachdenken angeregt hat. Aber wenn sie die Leute anschreit, sie hätten ihr die Kindheit genommen, dann kennt sie die Geschichte nicht. Vor 50 Jahren hat niemand über Klimaprobleme geredet, dass die Meere vermüllt sind, war nicht bewusst. Vor 5300 Jahren, als der Ötzi gelebt hat, war es wärmer als heute. Es ist ganz wichtig, dass man das weiß – und damals ist niemand im Diesel durch Europa gefahren. Der Klimawandel ist sehr komplex und deswegen geht es nicht, dass jemand sagt „Ihr seid alle Verbrecher“. Die Wende gelingt nur, wenn wir alle gemeinsam handeln. Dass die Industrienationen die Klimaerwärmung maßgeblich hervorgerufen haben, ist klar, aber in vielen Ländern der Dritten Welt gibt es gar kein Umweltbewusstsein.

Reinhold Messner hält den Vortrag mit dem Titel „Nanga Parbat“ diese Woche Donnerstag, 12. März, ab 20 Uhr in der Saarbrücker Congresshalle.
Karten (32 bis 50 Euro) gibt es unter Telefon (06 81) 4 18 01 81 und per E-Mail an: kartenservice@ccsaar.de.