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Zum Tod von Bernardo Bertolucci
Der umstrittene Maestro

Rom. Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci ist gestorben, im Alter von 77 Jahren. „Der letzte Tango in Paris“ wurde ein Skandalerfolg, die Großproduktion „Der letzte Kaiser“ zum Triumph, der neun Oscars gewann. Von Tobias Kessler

Natürlich – die Szene mit der Butter, in „Der letzte Tango in Paris“. Sie ist für manche wohl das erste, woran sie denken, bei der Nachricht, dass Bernardo Bertolucci gestorben ist. In dem umstrittenen wie gefeierten Film von 1972 erzählt er von einem Mann mittleren Alters in der Krise (Marlon Brando), der versucht, sich in anonymen Sex mit einer jüngeren Frau (Maria Schneider) zu flüchten. In jener Szene vergewaltigt der Mann sie anal, mit Butter als Gleitmittel. Ein Skandal war die Szene damals – und wurde sie vor zwei Jahren wieder, als ein Interview mit Bertolucci die Runde machte. In dem erzählte er, dass er und Brando der Schauspielerin Schneider nicht gesagt hätten, was in der Szene genau passiert, damit sie ihren Abscheu bei der simulierten Vergewaltigung möglichst natürlich spielt. Ein grausiges Bekenntnis, das die Szene heute doppelt schwer erträglich macht – und Bertoluccis Ruf in seinen letzten Lebensjahren beschädigt hat.

Dennoch: Dies sollte nicht den Blick verstellen auf eine künstlerisch reiche Karriere, die sich zwischen Autorenkino und epischen Produktionen bewegte, zwischen kleinen persönlichen Geschichten und Betrachtungen der Weltgeschichte. Politik und das Persönliche gehörten ohnehin zusammen bei Bertolucci, als junger Mann Marxist, als älterer Mann zunehmend desinteressiert an der Politik. Einer seiner ersten Filme, „Vor der Revolution“ (1964), erzählt, wohl autobiografisch, von einem wohlhabenden Bürgersohn, den es zum Marxismus hinzieht. Stilistisch lässt er sich damals weniger vom Kino seiner Heimat inspirieren denn von der französischen Nouvelle Vague, vor allem von Jean-Luc Godard, der ihm dann später doch, filmisch wie politisch, zu radikal wird.

Ende der 1960er ist er am Drehbuch von Sergio Leones Western  „Spiel mir das Lied vom Tod“ beteiligt und dreht 1970 den Film, den manche für seinen besten halten: „Der große Irrtum“, nach Alberto Moravias Roman „Der Konformist“. Jean-Louis Trintignant spielt einen Opportunisten im Italien der 1930er, der sich den Faschisten andient und für sie seinen früheren Professor ermorden soll, einen Antifaschisten. Seit diesem Film gilt Bertolucci als wichtiger Regisseur, aber erst „Der letzte Tango von Paris“ macht ihn berühmt. Diese Geschichte von Erotik als versuchter Flucht vor dem Verrinnen des Lebens wird zum großen Erfolg, befeuert von den Diskussionen um die Sexszenen.



Die weltweite Aufmerksamkeit ebnet Bertolucci 1976 den Weg zu seiner ersten Großproduktion, „1900“, einem großen Gesellschaftsbild Italiens auf dem Weg in den Faschismus, besetzt mit Robert DeNiro, Gerard Depardieu, Donald Sutherland und Burt Lancaster. Nach diesem Mammutprojekt mit fünf Stunden Länge zieht es Bertolucci wieder zu kleineren Filmen, bevor er 1987 seinen Triumph erlebt: Er dreht „Der letzte Kaiser“, die reale Geschichte des Kaisers Puyi (1906-1967). Mit zwei Jahren kommt er auf den Thron, muss drei Jahre später abdanken, wird später inhaftiert und von den Kommunisten „umerzogen“. In Pekings „Verbotener Stadt“ kann Bertolucci diese Geschichte drehen, voller persönlicher Tragik, Politik und grandioser Bilder seines regelmäßigen Kameramanns Vittorio Storaro.

Neun Oscars gewinnt der Film, Karriere-Höhepunkt für Bertolucci und auch Zenith. Die Paul-Bowles-Adaption „Himmel über der Wüste“ von 1990 über eine Ehe am Ende (mit John Malkovich und Debra Winger) wird gemischt aufgenommen, der Buddhismus-Bilderbogen „Little Buddha“ (1993, mit Keanu Reeves) als naiv kritisiert. Aber 2003 dreht er wieder einen guten, berührenden Film: „Die Träumer“ über eine sehr sinnliche Dreiecksgeschichte im Paris von 1968. Eine große Alterskarriere allerdings ist Bertolucci nicht vergönnt. Ein Rückenleiden zwingt ihn in den Rollstuhl, er kann viele Jahre lang keinen Film drehen. Aber ein würdiger Abschied vom Kino gelingt ihm doch: „Ich und Du“ (2013), die Geschichte zweiter Geschwister, ein konzentrierter Film auf kleinstem Raum – auch Bertoluccis eingeschränkter Beweglichkeit geschuldet. Gestern ist er in Rom gestorben, im Alter von 77 Jahren