| 22:42 Uhr

Sting und Shaggy gemeinsam auf der Bühne
Raue Stimme und Karibikflair unterm Hochofen

Esch-sur-Alzette. Sting und Shaggy sorgen beim ersten Open-Air vor der Luxemburger Rockhal für Stimmung. Vor allem der stimmgewaltige Brite brilliert mit seinen Hits. Von Eric Kolling

Und jetzt also ein Duo mit „Mr. Boombastic“ Shaggy! Was hat Gordon Sumner alias Sting, inzwischen 66, in den vergangenen Jahrzehnten musikalisch nicht schon alles probiert: Post-Punk und New Wave als Frontmann von „The Police“ in den Achtzigern, solo Popballaden in den Neunzigern, 2000 maghrebinische Volksmusik („Desert Rose“), dazu ein Weihnachtsalbum („If on a Winter’s Night …“) und eines mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra (Symphonicities). Nun ist er eine musikalische Liaison mit dem jamaikanischen Reggae-Popper Shaggy eingegangen, der vor fast 20 Jahren durch „Angel“ oder „It Wasn’t Me“ bekannt wurde. Herausgekommen ist die stimmige Karibik-Platte „44/876“. Eine Huldigung jamaikanischer Musik, der Lebensfreude der Karibikregion und des sommerlichen Spirits.

Klar, dass die beiden damit eine gute Wahl sind für die Premiere eines Open-Air-Konzerts Ende Juni: auf dem Luxemburger Belval-Gelände mal nicht in, sondern vor der Rockhal. Auch der äußere Rahmen hätte am Samstagabend kaum besser sein können: ein warmer Sommerabend, klarer Himmel, die illuminierten Industrieschornsteine und Hochöfen des Eisenwerkes von Belval als prächtige Kulisse. Und von der kleinen Bühne aus umschmeicheln unablässig Sommerurlaubsklänge die etwa 9000 Besucher. Die haben Shaggy und vor allem Sting gleich mit dem Opener in ihren Bann gezogen. Da ist nämlich „Englishman in New York“ die erste Wahl.

Sting hält mit der E-Gitarre weitgehend seine Position in der Bühnenmitte, während Shaggy ständig hin- und herläuft, den Animateur gibt. Die Setlist umfasst Stücke aus dem neuen Album, die größten Hits aus beider Karrieren, die sie meistens gemeinsam singen. Bisweilen verschmelzen sie ihre Titel zu Medleys, etwa „So Lonely“ und „Strength Of A Woman“, „Roxanne“ und „Boombastic“ oder „We‘ll Be Together“ und „Oh Carolina“.



Den beiden ist die Lust am spielen deutlich anzusehen. Zwar schweigt Sting das Publikum beharrlich an, zieht es dafür umso mehr durch sein Lächeln, seine großväterlich raue Stimme und seine Fingerfertigkeiten an der Gitarre in seinen Bann. Deutlich wird: Der Brite überragt Shaggy gerade in puncto Stimmvariabilität deutlich. Doch das ist nicht tragisch, beide sind hier ja nicht in einem Casting-Wettkampf, sondern musikalische Gute-Laune-Brüder. Immerhin wirkt es so, wenn Shaggy beim Singen Sting mehrfach eine Hand lässig über die Schulter legt. Die Hintergrundsänger und Mitmusiker tun ihren Teil für einen prallen, variantenreichen Sound.

Doch ein paar Kleinigkeiten stören. Weder von der Tribüne noch von den Seiten hat man freien Blick auf die Bühne oder die Videowand. Bäume und Laternen stehen im Weg. Und auf den Riesen-Fernseher ist man in den hinteren Reihen angewiesen, sitzt man doch vom Bühnengeschehen sehr weit weg. Auch beginnt das Konzert einige Minuten früher als überall angekündigt und kommt die stimmungsvolle Illumination des Hintergrunds erst ab der Konzerthälfte zum Tragen.

Die größten Gänsehautmomente? Für die einen möglicherweise „Shape Of My Heart“ oder „Fields Of Gold“, für die anderen vielleicht eher die Zugaben „Every Breath You Take“ oder „Fragile“. Eher nicht die Stücke von „44/876“ wie das aktuelle „Don‘t Make Me Wait“: Die sind gut, aber selten brillant.

Fazit: Vor allem Sting darf gerne sehr bald wiederkommen. Ob mit Shaggy, Rammstein oder mongolischen Kehlkopfsängern ist egal – auch solche musikalischen Experimente würden ihm glücken!