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Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Streitbarer „Kulturhistoriker“ als Chef der Hütte

  Ralf Beil, designierter Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, in einer Schau des Kunstmuseums in Wolfsburg (2016), das er bis 2018 leitete.
Ralf Beil, designierter Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, in einer Schau des Kunstmuseums in Wolfsburg (2016), das er bis 2018 leitete. FOTO: picture alliance / dpa / dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte
Völklingen/Braunschweig. Am Mittwoch entschied sich der Aufsichtsrat des Weltkulturerbes Völklinger Hütte nach neun Monaten für Ralf Beil, den früheren Chef des Wolfsburger Kunstmuseums, als Grewenig-Nachfolger. Er soll schon ab 1. Mai ran. Warum er und was qualifiziert ihn? Von Cathrin Elss-Seringhaus

Das Publikum wird sich umstellen müssen. Statt „Pharaonen-Gold“ könnte die erste Ausstellung des neuen Weltkulturerbe-Chefs „The Killing machine“ heißen oder „Völklingen Unlimited“, in Anlehnung an Titel von Projekten, die Dr. Ralf Beil (54) bereits realisierte. Ein Sprung ins 21. Museums-Jahrhundert steht bevor, mit einem fachlich renommierten, jedoch nicht unumstrittenen Mann.

Bis 2018 leitete Beil das Kunstmuseum Wolfsburg, eines der wichtigsten Häuser für zeitgenössische Kunst in Deutschland – und er schied im Unfrieden. Der medial breit diskutierte Konflikt mit der „Stiftung Volkswagen“, die das Wolfsburger Museum finanziert, drehte sich um Beils kuratorische Freiheit, final dann um die Auto-kritische Schau „Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“. Seitdem gilt Beil nicht mehr nur als Top-Kraft, sondern als streitbare Figur. Das wussten auch alle Mitglieder im Aufsichtsrat des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, die Beil am Mittwoch zum Nachfolger von Meinrad Maria Grewenig (65) wählten, Corona-bedingt in einer Videokonferenz. Man folgte einstimmig dem Vorschlag der Aufsichtsratsvorsitzenden Christine Streichert-Clivot (SPD). Die Kultusministerin sieht Beil als „starke Führungspersönlichkeit“ und „mutigen Macher“. Er sei keine „bequeme“ Wahl: „Aber das ist auch nicht meine Erwartung an den neuen Generaldirektor – im Gegenteil.“ An diesen Worten wird man die Ministerin messen dürfen. Kämpfe um die Finanzausstattung (Projektmittel) gehören bekanntlich zum Job eines Völklinger Generaldirektors.

Nach SZ-Recherchen zogen sich die Verhandlungen mit dem in Braunschweig lebenden Beil über Monate hin. Am Ende soll es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einer Kandidatin gegeben haben. Erste Kontakte knüpfte im Juli 2019 der damalige Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD). Beil war damals schon mit der aus Saarbrücken nach Braunschweig gewechselten Staatstheater-Intendantin Dagmar Schlingmann in freundschaftlichem Kontakt; und diese pflegt immer noch ihre Saarland-Connection. Was manches erklärt. Unter anderem die Gelassenheit, mit der Commerçon im Sommer seinen Reputationsverlust und den Ärger ertrug, die auf die Nichtverlängerung des Grewenig-Vertrages folgten. Beil hielt er offensichtlich für sein Ass im Ärmel. Dann kam der Stabwechsel und ein langwieriges Ausschreibungs- und Bewerbungsverfahren in zwei Runden. „Es ist gut, dass die Rumeierei endlich vorbei ist“, kommentiert Beils Vorgänger Grewenig gegenüber der SZ die Personalie. „Es ist eine gute, eine fachliche Entscheidung. Wenn das Saarland bereit ist, finanziell ein anspruchsvolles Programm zu tragen, wird Beil alles sehr gut gelingen.“



Welch beachtliches Erfahrungs- und Kompetenz-Portfolio der unter anderem an der Sorbonne ausgebildete und an zwei Schweizer Museen (Bern, Lausanne) interkulturell trainierte Kunstexperte zwischen Man Ray, James Turrell und Christian Boltanski mitbringt, und wie interdisziplinär der frühere Publizist seine Themenstellungen wählt, ist im Internet nachzulesen. Er selbst sieht sich als „Kulturhistoriker“, wie er der SZ verrät. Das wäre dann also ein Mann, der Kunst und Epoche, Kunst und Leben gattungsübergreifend zusammen denkt. In Beils Projekt- und Publikationsliste steht dafür unter anderem die in seiner Zeit als Chef der Darmstädter Mathildenhöhe realisierte Schau „Gesamtkunstwerk Expressionismus (Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz, Architektur)“ oder aber Beils Dissertation über Lebensmittel als Kunstmaterial, Titel: „Künstlerküche“.

Originalität scheint für Beil eine leichte Übung, Marketing kein notwendiges Übel, sondern eine bisher immer „mit viel Freude“ ausgeübte Kür, wie er sagt. Deshalb schreckt ihn die Aufgabe nicht, in Völklingen Massentauglichkeit mit hohem Anspruch zu koppeln: „Wir können durch gutes Marketing Besucher anlocken und ihnen dann tiefe Erfahrungen mitgeben.“ Erlebnisintensität und körperliche Erfahrung seien ihm für seine Programmlinie in Völklingen wichtig. Er selbst sei sehr architekturaffin, sagt Beil. Deshalb reize ihn die Hütte auch mehr als ein typischer neutraler „White Cube“-Bau, in den man schöne Bilder hänge. Hier sei er mit einer besonderen „Stärke und Vitalität“ des Ortes konfrontiert, die er als inspirierende Chance für seine Programmfindung sieht. Dass er bisher keine Erfahrung im Umgang mit einem Industriedenkmal hat, sieht Beil nicht als Problem, zumal er sich in der Autostadt Wolfsburg intensiv mit der Verflechtung von Werks- und Stadtgeschichte und mit Industrialisierungsprozessen beschäftigt habe.

Als zentrale Tätigkeitsfelder hat Beil für sich definiert: Generationsübergreifende Ausstellungen und Events auf dem gesamten Weltkulturerbe-Areal, eine intensive Festivalkultur, vertiefte Werksgeschichte und die Vernetzung industriekultureller Orte, regional wie international. Das Weltkulturerbe ist für den Neuen ein „Zukunftslabor“, das neben Geschichte und Gegenwart auch Fragestellungen der Zukunft in den Blick nehmen soll. Das wiederum könnte fast wörtlich auch Grewenig gesagt haben.

Lesen Sie morgen ein ausführliches Interview mit Ralf Beil.