| 22:39 Uhr

Saarbrücker Kino Achteinhalb zeigt „Marvin“
Provinz contra Paris: Vom neuen Leben in der großen Stadt

Finnegan Oldfield als Marvin, Isabelle Huppert als sie selbst.
Finnegan Oldfield als Marvin, Isabelle Huppert als sie selbst. FOTO: Salzgeber
Saarbrücken. Das Saarbrücker Kino Achteinhalb zeigt den feinfühligen Film „Marvin“ um einen jungen Mann vom Land, der sich in Paris neu erfindet.

() Eigentlich ist es eine von Marvins glücklicheren Erinnerungen. Er hat einen Platz an einem Internat ergattert, in dem er seiner Leidenschaft fürs Theater nachgehen kann. So entkommt er der Enge seines nordfranzösischen Dorfs. Nun ist Schluss mit den Drangsalierungen durch Mitschüler, die ihn als Schwuchtel beschimpfen. Dennoch lässt Marvins Abschied aus der Provinz den Betrachter traurig zurück. Der Regisseurin Anne Fontaine gelingt in ihrem neuen Film „Marvin“, ihrer freien Interpretation von Édouard Louis‘ Roman „Das Ende von Eddy“, eine grandiose Gratwanderung: Einerseits teilt man Marvins Erleichterung angesichts einer vielleicht besseren Zukunft. Andererseits aber fühlt man mit Marvins Vater, der ratlos zurück bleibt.

Fontaines Porträt eines jungen Homosexuellen aus der Arbeiterschicht, der sich neu erfindet, ist eben nicht nur eine Umschreibung von Louis‘ Erfolgsgeschichte. Sie rehabilitiert zugleich dessen Familie, ohne ihre Ressentiments zu leugnen. Fontaine bildet die Komplexität menschlicher Emotionen in ihrem eleganten, fortwährend zwischen zwei Zeitebenen hin und her springenden Film ab und lädt das Publikum ein, Widersprüche einfach auszuhalten.

Aus dem jungen Marvin Bijou, dem in jedem Augenblick der Wille, sich nicht brechen zu lassen, anzusehen ist, wird der gut 20-Jährige, der als Martin Clement noch einmal neu anfängt. Finnegan Oldfield spielt den aufstrebenden Schauspieler als Verschlossenen. Er dreht jedes Wort mehrfach um, damit er nichts Falsches sagt. Seine Homosexualität ist in Paris kein Makel mehr, sehr wohl aber seine proletarische Herkunft. Deswegen hält er sich an Abel, seinen akademischen Mentor, und an Roland, einen reichen, älteren Industriellen. Der bezahlt ihm eine teure Zahnbehandlung – und macht ihn mit Isabelle Huppert bekannt, die schließlich in seinem Theaterdebüt mit ihm auf der Bühne steht.



Die Enge in der Provinz und die Offenheit der Metropole spiegeln sich in Fontaines Bildern. Es ist wie so oft bei Gegensätzen: Sie liegen so weit auseinander, dass sie sich auf der anderen Seite begegnen. Insofern ist es nur konsequent, dass Isabelle Huppert sich mit einem wunderbaren Gespür für Ironie selbst spielt.

„Marvin“ läuft im Saarbrücker Kino Achteinhalb: 8., 10., 12., 13., 20. und 22. Juli.
Uhrzeiten: www.kinoachteinhalb.de