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Berlinale
Promi-Hype und Selfie-Jagd am Roten Teppich

Schaulaufen auf dem Roten Teppich: Greta Gerwig (links) und Tilda Swinton bei der Eröffnung der Berlinale.
Schaulaufen auf dem Roten Teppich: Greta Gerwig (links) und Tilda Swinton bei der Eröffnung der Berlinale. FOTO: Maurizio Gambarini / dpa
Berlin. Stars am Roten Teppich, Journalisten als Autogrammjäger, ein zickiger Regisseur in der Pressekonferenz: Ein Erlebnisbericht von der 48. Berlinale. Von Eric Kolling

Wenn es dieser Tage dunkel wird in Berlin, weisen die roten Lichter an den Straßen um den Potsdamer Platz Adern gleich den Weg zum Herzen der Stadt: den Berlinale Palast, eigentlich Musical-Theater, gerade Premierenort aller Wettbewerbsfilme, und das Grand Hotel Hyatt gegenüber. Dort pulsiert das Leben, machen Touristen Selfies vor Figuren mit dem Festivalsymbol, dem goldenen Bären. Polizisten, Ordner und Absperrbarken sind in dem Bereich omnipräsent. Viele Passanten dort tragen orange Bänder um den Hals, die zeigen, dass sie beruflich in Berlinale-Mission unterwegs sind. Noch bis Samstag läuft Deutschlands größtes Filmfestival in der Bundeshauptstadt. Lockt Filmgrößen aus aller Welt an, bringt der Stadt Glamour und Aufmerksamkeit.

Berlinale, das heißt: elf Tage Dauer, 385 Werke in 14 Sektionen, ein Hauptwettbewerb mit 19 Filmen (fünf außer Konkurrenz). Im letzten Jahr gab es 1085 Aufführungen, verbuchte die Berlinale fast eine halbe Million Besucher. Das Saarbrücker Ophüls-Festival kam letzten Monat auf 44 000. Und auch sonst gibt es dimensionale und atmosphärische Unterschiede. Rund ums Berlinale-Herz reihen sich die Multiplexe aneinander. Wo sich bei Ophüls das meiste aufs Cinestar konzentriert, gibt’s in Berlin noch ein Imax-Cinestar, das Cinemaxx, den Zoo Palast, das Kino Arsenal – stadtweit 32 Spielstätten. Warteschlangen vor Kassen und Kinosälen sind dennoch dieser Tage meistens garantiert.

Es tut Not, sich tief in die überall ausliegenden Programmkataloge einzulesen, ehe man Tickets löst. Beim Ophüls-Festival kann man blind bei den Nebenreihen zuschlagen, in dem Wissen, vielleicht sogar die größte Perle des Wettbewerbs zu angeln. Bei der Berlinale wäre das ein Tanz auf der Rasierklinge. Die Bandbreite ist größer und mit ihr die Menge an Trash. Schnell landet man in einem „Kunstfilm“, der nur aus minutenlangen Aufnahmen von vorbeifahrenden Autos einer Schnellstraße in den USA oder stillstehenden Einwohnern besteht. Oder in einer Kurzfilmreihe, die eben mal zum Hardcore-Porno oder einem psychedelischen Farbenwirbel avanciert, Epilepsiewarnung inbegriffen.



Anders als in Saarbrücken ist es schier unmöglich, Schauspielern von Weltrang im Kinosaal über den Weg zu laufen. Dass da ein Großer auf der Bildfläche erscheint, ahnt man immer dann, wenn Fans und Paparazzi die Hintertür des Hyatt-Hotels oder den Eingang des Ritz Carlton belagern. So unvermittelt die Isabelle Hupperts, Mia Wasikowskas oder Hugo Weavings auftauchen, so schnell sind sie meist in einer Limousine verschwunden. Bis zu einer Stunde hingegen sitzen sie auf dem Podium bei den Pressekonferenzen, die im ersten Stock des Hyatt-Hotels stattfinden. Pk’s mit mehrsprachigen Dolmetschern, das kennt man aus Saarbrücken auch nicht, wo sich die Filmemacher meist im Anschluss an den Film den Publikumsfragen stellen. Auch die Journalisten und Fotografen rücken den Filmstars im Anschluss an die Konferenzen mit Selfie- und Autogrammwünschen auf die Pelle. Davor verbinden die insgesamt über 3000 akkreditierten Pressevertreter ihre Fragen häufiger mit überschwänglichem Lob. Bei kritischen Anmerkungen kann es vom Podium aus schon eisig werden. Einmal fühlt sich eine Journalistin von Regisseur Benoit Jacquot „betrogen“, weil der im Film „Eva“ die Ausgangsidee eines von der Hauptfigur zu schreibenden Theaterstücks nicht auflöst. Jaquot scheint die Kritik erst nicht zu verstehen, antwortet dann etwas versteinert: „Wenn alles logisch weitergehen und man jedes Rätsel auflösen würde, wäre es doch langweilig.“ Man könne sich dann auch betrogen fühlen, weil der Film kein Western oder Musical ist. Aus, Ende.

Am schnellsten pocht das Festival-Herz bei der Eröffnungsgala, wenn auf dem Roten Teppich vorm Berlinale Palast die ganz Großen im Filmgeschäft vorfahren: Gleich geht es drinnen los, die meisten Gäste sind schon da. In der Alten Potsdamer Straße im Hintergrund projizieren Lampen die Illusion fallender Wassertropfen an die Bäume. Wer sich nicht schon zwei Stunden vorher an den Absperrungen postiert hat, sieht so gut wie nichts. Auch die Kamerateams und Pressefotografen verteidigen ihr Revier zwischen Teppichende und Palast-Eingang mit Händen und Füßen. Um als spätankommender Journalist zu erahnen, was sich drei Meter weg abspielt, muss man auf den Monitor zehn Meter auf der anderen Seite schauen. So wie „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel, der auch zu spät dran ist und nicht mehr auf den Roten Teppich darf. Denn da fährt schon Jury-Präsident Tom Tyk­wer vor. Er nimmt sich Zeit für die Fans, schreitet auf und ab, verteilt Unterschriften, lässt Selfies zu.

Ihm folgt schnell die Handvoll internationaler Stars, die im diesjährigen Wettbewerb im Eröffnungsfilm „Isle of Dogs“ nur zu hören ist. In ihren meist schwarzen Audis rollen sie die paar Meter vom Marlene-Dietrich-Platz zum Ansatz des Roten Teppichs. Lautes Fangebrüll als sie aussteigen. Tilda Swinton macht auch in Großaufnahmen der Kameras nicht den Eindruck, als ob ihr das Treiben großes Pläsir bereitet. Eine junge Frau fast auf Wagenhöhe mit grüner Bommelmütze schreit so oft und laut „Tilda“, bis ihr Gesicht rot leuchtet. Vergeblich. Swinton orientiert sich Richtung Fernsehkameras. Auch Jeff Goldblum („Die Fliege“) oder Brian Cranston („Breaking Bad“) sind eher aufs Gruppenfoto fokussiert. Ein wenig mehr auf Tuchfühlung geht Liev Schreiber („Ray Donovan“), einzig Alt-Ghostbuster Bill Murray zieht eine Show ab. Er klatscht mit Fans ab, gestikuliert wie ein gefeierter König und gesellt sich mit Eröffnungsfilmregisseur Wes Anderson zu den japanischen Trommlern, die auf einem kleinen Podest wirbeln, hämmert eine Runde mit.

Ein paar Minuten später sind alle im Gebäude. Der Bereich um den Roten Teppich leert sich binnen Minuten. Eine junge Frau telefoniert stolz mit ihrer Mutter. Das Warten habe sich gelohnt. „Ich habe Daniel Brühl!“, sagt sie. Das Herz des Festivals schlägt an diesem Abend im Berlinale Palast weiter – ohne die „gewöhnlichen“ Filmfans.