| 22:50 Uhr

Premiere im Staatstheater
Mörderisches Schicksalskarussell

Konstantin Rommelfangen  spielt den homosexuellen Tom (li.), Pitt Simon spielt Francis, den Bruder von Toms verstorbenem Partner.
Konstantin Rommelfangen spielt den homosexuellen Tom (li.), Pitt Simon spielt Francis, den Bruder von Toms verstorbenem Partner. FOTO: Martin Kaufhold
Saarbrücken. Der kanadische Live-Thriller „Tom auf dem Lande“ hatte am Samstag in der Saarbrücker Feuerwache Premiere. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Wenn Tom, der Meister der Synonyme in einer Werbeagentur, sein Verhältnis zu Jeff schildert, sagt er das so: Sie seien Konspirateure, Kumpel, Kameraden gewesen. Tom verschweigt damit wortreich das Wesentliche, ihr Liebesverhältnis. Andererseits spricht er unbewusst die für ihn grausame Wahrheit aus: Jeff hat ihn ungewollt zu seinem Komplizen gemacht, weil er seine Homosexualität gegenüber Mutter und Bruder geheim hielt. Also lebte Tom in einer verschwörerischen Lügengemeinschaft. Während er seine Rolle weiter spielt, erfährt er, dass Jeff seine erste große Liebe der Lüge opferte. Tom wird sich auf das mörderische Schicksalskarussell aus Schuld und Verrat setzen und dabei seine Identität verlieren.

Man muss beim Kanadier Michel Bouchard sehr genau hinhören, um zu ergründen, warum sein Stück „Tom auf dem Lande“ (2010) eine ziemliche Wucht entwickelt. Obwohl es auf den ersten Blick recht einfach gestrickt scheint. 2017 kam es im Luxemburger Kapuzinertheater heraus, dank einer Kooperation steht es nun in derselben Besetzung auch in Saarbrücken auf dem Spielplan. Das Premieren-Publikum in der Saarbrücker Alten Feuerwache reagierte am Samstag begeistert. Dramatische Handwerkskunst plus politische Antidiskriminierungs-Botschaft, diese Kombination ist in zeitgenössischen Stücken eher selten. Im Kern würde der Plot alllerdings auch für einen „Tatort“-Krimi taugen. Tom hat seinen Partner Jeff bei einem Unfall verloren und fährt zu dessen Beerdigung aufs Land. Dort erfährt er, dass es ihn für Mutter Agathe nie gab. Und er wird von Jeffs Bruder Francis malträtiert, der alles tut, um die Lüge aufrecht zu erhalten.

Auf den ersten Blick folgt auch in Saarbrücken alles einer simplen Kontrastdramaturgie. Die auf dem Land, auf einem gottverlassenen Milchkuh-Bauernhof, tragen Gummistiefel oder zeigen schwitzende, Blut verspritzte nackte Haut. Der Städter aus Montreal führt fesche Versace-Klamotten spazieren, parfümiert sich zu und rümpft die Nase über die „Querflötenfolter“ bei der Beerdigung. Aber dann streichelt er Kühe und hängt irgendwann kopfüber über der Schlammgrube mit stinkenden Kuh-Kadavern. Von dieser drastischen Art sind die Bilder, die Bouchard uns zumutet. Es ist ein brutales Stück, derb und düster und gnadenlos, antike Dramen standen Pate – mitunter zu penetrant.



Mirjam Benkner hat dafür eine minimalistische, abweisende Guckkasten-Situation geschaffen, mit weißen Wänden und weißem Boden, vor schwarzer Rückwand steht ein Esstisch mit Mikrowelle. Unter brutalen Geräuschen wird die Bibel-begeisterte Maman (Christiane Motter) dort unablässig Unappetitliches auftauen. Gefühlsvereisung, Abweisende, bedrohlich verzerrte Klänge (Musik: Christoph Coburger) steigern den absonderlichen Eindruck. Wobei Regisseur Max Claessen das Schockerpotenzial nicht ausbeutet, auch nicht die Sado-Maso-Bezüge, sondern eher einen nüchternen Grundton wählt. Die Stimulanz überlässt er der vom Autor gewählten trickreichen Struktur. Denn Bouchard sorgt durch Illusionsbrüche für Irritation: Tom reflektiert in Monologen sich selbst und die Handlung, so fließen Szenen, Orte und Zeitebenen ineinander.

Konstantin Rommelfangen, Marke Sensibelchen, nimmt uns glaubhaft mit auf seinen Leidensweg ins Wahnhafte. Für Agathe verwandelt er sich in den verlorenen Sohn. für Francis trägt er das rote Kleid der früheren Tanzpartnerin, am Ende trägt er an den Handgelenken die Male des Gekreuzigten. Sein Peiniger ist Pitt Simon, „Bier und Tier“, ein Kasten von einem Kerl. Wie Rübezahl stampft er über die Bühne, lärmt herum, planscht unbeholfen in diesem Gorilla-Charakter, ohne Ängste ahnen zu lassen. Alles gerät zu laut, alles ist immer eine Nummer zu forciert. Trotzdem geht der Abend gut, dank einer wie immer präzisen Christiane Motter. Die Mutter legt sie kühl-resolut an, zugleich gelingen zärtliche und (ver)zweifelnde Töne. Und auch Gintare Parulyte ist als Überraschungsgast Ellen ein darstellerischer Gewinn. Sie bringt bittere, robuste Komik mit ins Endspiel. Happy End? Keines. Tom bleibt auf dem Land, in der Lüge. Laut Bouchard wäre alles andere „Instant-Moral“.

Weitere Termine: 25.11., 12.12., 14.12., 19.12. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.