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Penner und Stars

Berlin. James Kimberlin sieht nicht gerade aus wie jemand, der vom Leben verwöhnt wurde: die Haare wirr und verfilzt, die Kleider vor Dreck starrend, die Augen verdreht. Eine melancholische Elendsgestalt, aufgelesen am 7. Oktober 1980 auf der State Road 18 in Hobbs, New Mexico Von den Merkur-Mitarbeitern Nicole Büsing und Heiko Klaas

Berlin. James Kimberlin sieht nicht gerade aus wie jemand, der vom Leben verwöhnt wurde: die Haare wirr und verfilzt, die Kleider vor Dreck starrend, die Augen verdreht. Eine melancholische Elendsgestalt, aufgelesen am 7. Oktober 1980 auf der State Road 18 in Hobbs, New Mexico. Das Foto dieses traurigen Landstreichers hat der amerikanische Starfotograf Richard Avedon (1923-2004, siehe kleines Foto) gemacht. Zwischen 1979 und 1984 reiste Avedon für sein Fotoprojekt "In the American West" in insgesamt 189 Dörfer und Städte in 17Bundesstaaten. Sein beeindruckendes Portfolio liefert eine ebenso schonungslose wie faszinierende Typologie des amerikanischen Westens und seiner Bewohner. Vor seiner Kamera wurden Menschen, die sonst keiner beachtete, für kurze Zeit zu stillen Stars. Und Avedon selbst nutzte die Chance, mit diesem Projekt zu demonstrieren, dass er weit mehr war als einer der berühmtesten Modefotografen seiner Zeit. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist jetzt die Ausstellung "Richard Avedon - Fotografien 1946-2004" zu sehen. Es ist die erste Retrospektive des Fotografen in Deutschland. Die rund 250 Schwarz-Weiß-Fotografien umfassende Schau versammelt neben der Serie "In the American West" zahlreiche Modeaufnahmen, Porträts von Schauspielern, Künstlern, Politikern, Musikern, Literaten und Regisseuren sowie - als Zuckerl fürs Berliner Publikum - sechs großformatige Berlin- Aufnahmen, die Avedon in der Silvesternacht 1989 am Brandenburger Tor gemacht hat. Der 1923 in New York City geborene Richard Avedon war bereits früh mit der Fotografie vertraut. Als 19-Jähriger porträtierte er mit einer Rolleiflex, die ihm sein Vater geschenkt hatte, seine Kameraden bei der Handelsmarine für ihre Dienstausweise. Danach arbeitete er für kurze Zeit als Kaufhaus-Fotograf in New York. Schnell wurde er vom Fashion-Magazin Harper´s Bazaar entdeckt und als Hausfotograf engagiert. Es folgte eine steile Karriere als Modefotograf. "Ein fotografisches Porträt ist immer ein Bild von jemanden, dem bewusst ist, dass er gerade fotografiert wird", hat er einmal gesagt. Für seine Porträts hatte er sich ein immergleiches Setting zurechtgelegt: Ein möglichst neutraler weißer Hintergrund, kein Sonnenlicht, keine Schatten, weder Hervorhebungen, noch ausgeblendete Details. Nur der Fotograf und sein Gegenüber. Avedon war einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als der Fotograf glamouröser Modeaufnahmen und Prominentenporträts bekannt. Doch er fotografierte auch die Civil Rights-Bewegung und im Vietnamkrieg. 1976 beauftragte ihn der Rolling Stone, den Präsidentschaftswahlkampf zu fotografien. Heraus kam die auch heute noch beeindruckende Serie "The Family" mit 69 Strippenziehern im politischen Machtsystem der USA. Als er dann später praktisch als provokanten Gegenentwurf dazu die Außenseiterbilder seiner Serie "In the American West" veröffentlichte, waren viele entsetzt. So ein Bild von Amerika wollte man nicht sehen: Obdachlose, Schausteller, Fleischpacker, Landstreicher, Kellnerinnen, Bergleute. Dieser brutale Blick auf die Kehrseite des amerikanischen Wohlstands schockierte. Doch den vermeintlichen Modefotografen Avedon rückte er genau dorthin, wo er sich seinen Platz eigentlich schon längst verdient hatte: in den Olymp der größten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts.