| 22:42 Uhr

Julian Charrière in der Kunsthalle Mainz
Palmöl und Klimakatastrophe

Der  Konzeptkünstler Julian Charrière steht vor einer von Palmöl gespeisten Lavalampe.
Der Konzeptkünstler Julian Charrière steht vor einer von Palmöl gespeisten Lavalampe. FOTO: Peter Zschunke / dpa
Mainz. Die komplexen Arbeiten von Julian Charrière zeigen wechselseitige Bezüge zwischen Leben und Tod, Wachsen und Abholzen auf. Im Zentrum der Ausstellung in der Kunsthalle Mainz steht ein Film mit tropischen Klängen und Rave-Rhythmen aus 32 Lautsprechern.

Von der zerstörerischen Liebesbeziehung zwischen Mensch und Natur erzählt eine neue Ausstellung in der Kunsthalle Mainz. In seiner Schau „Tambora – An invitation to dissappear“ (Tambora – eine Einladung zum Verschwinden) verarbeitet der in Berlin lebende Schweizer Konzeptkünstler Julian Charrière die Erfahrungen einer Expedition zum Tambora, einem noch aktiven Vulkan auf der indonesischen Insel Sumbawa: „Die ganze Ausstellung habe ich konzipiert bei der Besteigung des Tambora.“

Der große Ausbruch des Tambora im Jahr 1815 machte sich weltweit mit Klimaveränderungen bemerkbar – in Europa wurde das folgende Jahr als „Jahr ohne Sommer“ bezeichnet und Mary Shelley schrieb in Genf ihren Gruselroman „Frankenstein“. Bedrückend und verstörend ist auch der Mittelpunkt der Ausstellung, ein 75-minütiger Film, den die Besucher in Liegestühlen anschauen können.

„Ich habe nicht wie Fitzcarraldo die Oper in den Urwald gebracht, sondern den Rave in eine Palmölplantage“, sagt Charrière im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, in Anspielung an den Film „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog. Die Zuschauer werden erst in tropische Klänge gehüllt, bewegen sich dann durch die nach der Abholzung von Regenwäldern angepflanzten Ölpalmen und landen dann in einer Rave-Klangwelt, die aus 32 Lautsprechern hautnah spürbar wird. „Aber es sind keine Raver auf der Party, es herrscht die völlige Absenz von Menschen und kollektivem Bewusstsein“, erklärt Charrière.



Die Ausstellung bereitet den Besucher auf seinem Weg durch die Hallen auf den Film vor. In der ersten Halle ist es hell und kühl. Hier lagern in einem Industrieregal Blöcke mit raffiniertem Palmöl, teilweise geschmolzen. Das in vielen Lebensmitteln und Kosmetika verwendete Rohprodukt steht da wie ein Mahnmal für die Zerstörung der tropischen Regenwälder.

„Hier wird das Unbegreifliche über die stoffliche Ebene begreiflich gemacht“, sagt Kuratorin Stefanie Böttcher vor einer Nebelmaschine. Diese wird von einem Generator betrieben, der mit Biodiesel aus rotem Palmöl betrieben wird. Auch Nebel bringt die Dinge zum Verschwinden.

In der zweiten Halle ist es wärmer, eine von Palmöl gespeiste Lavalampe sorgt wie ein lebendiger Organismus für ein sanftes Licht. „Das ist ein Ort für ein Love-In“, sagt Charrière. Aber an der Wand hat er mit toter Asche, gesammelt am Vulkan, ein großes Bild gestaltet, mit Pflanzen- und Tiermotiven des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace (1823-1913).

Der Weg durch die Gedankenwelt der Ausstellung hat kein Ende. Die wechselseitigen Bezüge zwischen Leben und Tod, Gestaltung und Zerstörung, Wachsen und Abholzen, werden zyklisch fortgeführt. Das Verschwinden ist nicht die einzige Antwort. „Es gibt schon Hoffnung“, sagt Charrière. „In der Ausstellung öffnen sich auch Wege, die jeder für sich erkunden kann.“

Die Ausstellung wird bis zum 8. Juli gezeigt, begleitet von Vorträgen, Gesprächsabenden, Lesungen und einer Sommerakademie für Kinder.

In einem Industrieregal hat Charrière 3,5 Tonnen von Blöcken aus raffiniertem Palmöl arrangiert.
In einem Industrieregal hat Charrière 3,5 Tonnen von Blöcken aus raffiniertem Palmöl arrangiert. FOTO: Peter Zschunke / dpa
(dpa)