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Archäologie
Busch will mit Klischees aufräumen

Die neue Generaldirektorin des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) in Mainz, Alexandra Busch, steht vor einer Fotogalerie ihrer Vorgänger. Die 43-Jährige will in ihrer Amtszeit viele Akzente setzen.
Die neue Generaldirektorin des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) in Mainz, Alexandra Busch, steht vor einer Fotogalerie ihrer Vorgänger. Die 43-Jährige will in ihrer Amtszeit viele Akzente setzen. FOTO: dpa / RGZM-Mainz-Fotowerkstatt
Mainz. Alexandra Busch setzt neue Akzente am Römisch-Germanischen Zentralmuseum. Vermittlung von archäologischer Forschung für eine breite Öffentlichkeit ist für sie höchst aktuell: „Der Blick über längere Zeiträume befreit von Ängsten.“

Archäologen springen in der Wüste aus dem Auto, buddeln im Sand und finden dann einen antiken Schatz. „Wir haben immer noch diese Bilder in den Köpfen“, sagt die neue Direktorin am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM), Alexandra Wilhelmine Busch, vor ihrem feierlichen Dienstantritt am Samstag in Mainz. „Darum geht es nicht in der Archäologie. Wir wollen die Entwicklungen und Veränderungen von Gesellschaften über lange Zeiträume hinweg erkennen und menschliches Handeln verstehen.“

Die 43-jährige Wissenschaftlerin ist in mehr als 160 Jahren die erste Frau an der Spitze des international renommierten Forschungsmuseums, das bisher im Kurfürstlichen Schloss seinen Sitz hat und 2020 in einen Neubau umzieht. Auf dem Weg zu ihrem Büro geht sie an Porträts ihrer Vorgänger vorbei, der letzte war Falko Daim aus Wien, der sich Ende Februar in den Ruhestand verabschiedete, aber weiter in der Forschung aktiv ist.

Den Schwerpunkt in der gemeinsam mit der Universität Mainz betriebenen Byzanzforschung will Alexandra Busch weiterentwickeln: „Diese Kultur ist auch deswegen besonders spannend, weil sie wichtige Vermittlungsleistungen zwischen Orient und Okzident erbracht hat“, erklärt sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.



Vermittlung ist ein Schlüsselbegriff für die neue RGZM-Chefin. „Um den Zugang zu unseren Themen zu erleichtern, müssen wir im Museum an den Erfahrungshorizont der Besucher anknüpfen“, erklärt sie. „Mit der künftigen Gestaltung der Dauerausstellung wollen wir neue Akzente setzen und versuchen, mit gängigen Archäologie-Klischees aufzuräumen.“ Dialog und Beteiligung statt Frontalunterricht, heißt ihre Devise. Im künftigen Museum und in neuen Veranstaltungsformaten sollen Erfahrungen von Lernpsychologen und Pädagogen der Bildungswissenschaften in der Leibniz-Gemeinschaft genutzt werden.

„Ich wollte schon mit fünf Jahren Archäologin werden“, erzählt die in Neuss geborene Wissenschaftlerin. Studium und Promotion in Köln führten sie zur römischen Kaiserzeit und dann ging sie auch selbst für sechs Jahre nach Rom, ans Deutsche Archäologische Institut. Seit 2014 lebt sie aber wieder linksrheinisch. „Ich mag die rheinische Offenheit“, erzählt Busch. „Mainz ist eine sehr herzliche Stadt, die es mir leicht gemacht hat anzukommen.“

Von der Archäologie spricht Alexandra Busch mit so viel Begeisterung, dass die Steinzeit gefühlt wieder lebendig wird: „Im Neolithikum sind Viehzucht und Ackerbau aus dem vorderen Orient zu uns gekommen. Ohne diese Migrationsprozesse sähe unsere heutige Speisekarte ganz anders aus.“ Auch in der römischen Kaiserzeit ging es um Vermittlung. Der Austausch von unterschiedlichen kulturellen Gruppen habe die bereichernde Wirkung von Migrationsbewegungen gezeigt. „Der Blick über längere Zeiträume zeigt alternative Handlungspotenziale auf, bietet dadurch Möglichkeiten zur Reflexion aktueller Entwicklungen und befreit von Ängsten.“

Solche Erkenntnisse noch mehr in die Öffentlichkeit zu bringen, ist der neuen Direktorin ein wichtiges Anliegen. Mit der Erforschung von Kulturkontakten und Migrationsprozessen könne die Archäologie einen wesentlichen Beitrag zu aktuellen Diskussionen leisten.

Besonders interessiert ist Busch an der Resilienzforschung, die an der Universität Mainz einen eigenen Schwerpunkt bildet. „Uns interessiert, was Menschen, Gruppen, Gesellschaften charakterisiert, die schwere soziale, aber auch persönliche Krisen mit Erfolg überstanden haben.“ Hier sei etwa zu fragen, welche Rolle der soziale Zusammenhalt oder Spiritualität in Situationen wie Krieg und Flucht spielten.

Busch freut sich auf ihren künftigen Arbeitsplatz direkt neben dem Museum für antike Schifffahrt, das ebenfalls zum RGZM gehört. Mit den sich dort bietenden Möglichkeiten werde das Forschungsmuseum einen Quantensprung machen. „Wir haben viel vor. Aber ich habe ja jetzt 24 Jahre Zeit.“