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Hörbuchrezension
Die Frau im Mond

Artemis von Andy Weir
Artemis von Andy Weir FOTO: Randomhouse Audio
Zweibrücken. Im Nachfolger seines Erfolgswerks „Der Marsianer“ schickt Andy Weir eine junge Schmugglerin auf Mission in der teils unterirdischen Mondstadt „Artemis“. Damit gelingt ihm erneut ein sehr realistisch entworfenes Science-Fiction-Werk, das wir sicher bald im Kino bewundern können. Von Eric Kolling

Auch in seinem zweiten Science-Fiction-Werk bleibt der Softwareentwickler und Astrophysik-Fan Andy Weir unserem Sonnensystem treu: Anstatt dem roten Erdnachbarn, auf den er „Der Marsianer“ (verfilmt mit Matt Damon in der Hauptrolle) hatte spielen lassen, geht es in diesmal zum Mond, genauer gesagt: ins titelgebende „Artemis“. Die in fünf Kuppeln errichtete, teils unterirdisch liegende und nach der griechischen Mondgöttin benannte Stadt ist die einzige auf dem Erdtrabanten.

Sie bildet die Kulisse für einen wendungsreichen Thriller, der in bester Science-Fiction-Manier heutige Probleme auf die Zukunft überträgt: Machtstreben, Ressourcenengpässe, Profitgier. Die Heldin ist die 26-jährige Schmugglerin Jazz Bashara. Geboren in Saudi-Arabien lebt sie seit dem Alter von sechs Jahren auf dem Mond. Bringt sie dort sonst nur Zigaretten oder andere verbotene Luxusgüter an ihre reiche Kundschaft, erhält sie zu Beginn ein unmoralisches Angebot: eine Million Motten (die Mondwährung), wenn sie Fördermaschinen außerhalb der Stadt sabotiert. Doch die Sabotage scheitert, Jazz muss die Flucht antreten und stellt plötzlich fest, dass sie mitten in eine tödliche Verschwörung getappt ist – in der auch das Schicksal der Mondstadt und ihrer 2000 Einwohner selbst auf dem Spiel steht. Banden spielen da eine Rolle, reiche Firmenchefs und eine Bürgermeisterin mit ganz eigenen Plänen.

Nicht nur die interessant und realistisch erdachte Mondstadt Artemis rund um ein Besucherzentrum an der Apollo-11-Landestelle von 1969 und ihrer Energieversorgung durch Kernkraft ist ein spannender Aspekt des Werks. Dazu kommt die gelungene Figur der Jazz. Eine pfiffige, gedankenschnelle und technisch versierte junge Frau, die als Mittzwanzigerin schon allerhand Probleme durchgestanden hat – von ständigen Männergeschichten bis hin zu einem Zerwürfnis mit ihrem Vater. Weshalb sie nicht zuletzt deshalb anfällig für unmoralische Angebote ist. Aber die dennoch Werte hat und Mitmenschlichkeit vorlebt, wie sich vor allem im furiosen Finale zeigt. Nicht nur das ist auffallend filmreif geschrieben – 20th-Century Fox hat schon verkündet, nach dem Marsianer auch Artemis ins Kino bringen zu wollen. Gabrielle Pietermann, die deutsche Stimme von Emilia Clarke, passt nicht nur wegen ihres Alters hervorragend als Sprecherin des Romans, der aus der Ich-Perspektive erzählt wird.



Science-Fiction heißt auch oft: Viel Technik, viele naturwissenschaftliche Details, die stimmen müssen. Weir liefert jede Menge davon und diese auch glaubwürdig. Lediglich bei dem Sabotageakt geht er mit der Reaktion von Materialien bei Schweißvorgängen zu sehr ins Detail, weshalb der Part etwas langatmig ausfällt.

Spannung indes baut er auch durch Nachrichten auf, die Jazz scheinbar in einer anderen Zeitschiene mit einem Unbekannten von der Erde (gesprochen von Jake Gyllenhaals Synchronstimme Marius Clarén) austauscht. Es mutet wie ein Vorlesen altmodischer Briefe an – wie der Unbekannte zu Jazz steht, erfährt man erst spät. Eine Fortsetzung wäre nicht überraschend!

Andy Weir: Artemis, Randomhouse Audio, 550 Minuten, gekürzte Lesung, ISBN: 978-3-8371-4165-8