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17 Mal Musikpreis gewonnen
Nach dem Echo-Eklat: Jetzt redet auch Helene Fischer

Helene Fischer hat den Musikpreis 17 Mal gewonnen.
Helene Fischer hat den Musikpreis 17 Mal gewonnen. FOTO: Jens Kalaene / dpa
Berlin/Dresden. Viele haben sich schon zum Echo-Debakel geäußert: Nun hat sich auch Deutschlands Schlagerkönigin zu Wort gemeldet — ein für sie ungewöhnlicher Schritt.

Falls sie all ihre Echos zurückschicken wollte, ginge das Paket kaum durch die Tür: 17 Mal hat Helene Fischer (33) den Musikpreis gewonnen, der sich als deutsche Antwort auf den Grammy versteht. Seit einer Woche hagelt es Kritik gegen den Echo. Der Anlass: Die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang haben für ein als judenfeindlich kritisiertes Album eine Trophäe gewonnen. Kollegah machte sich auch noch über Campino lustig, der als einziger auf der Bühne eine couragierte Gegenrede hielt.

Vom Zentralrat der Juden bis zu Marius-Müller Westernhagen reichten die Proteste. Mehrere Preisträger wollen ihren Echo zurückgeben. Der Bundesverband Musikindustrie räumte Fehler ein und will den Preis, der sich bislang vor allem an Verkaufszahlen orientiert, überarbeiten. Im Beirat, der das Rap-Album wegen der Kunstfreiheit nicht aus dem Rennen nahm, gab es Rücktritte.

Vielen wurde erst mit dem Echo bewusst, dass sich Gangster-Rap in Deutschland richtig gut verkauft - und das mit Provokationen auf Kosten von Holocaust-Opfern. Auch die Plattenfirma geriet unter Druck und distanzierte sich von den Rappern.



Deutschlands Schlagerkönigin Helene Fischer, die mit „Atemlos“ einen der größten Hits des Jahrzehnts landete, schwieg bislang zu alldem. Das fiel neben der „Bild“-Zeitung auch dem langjährigen Musikmoderator Peter Illmann („Formel Eins“) auf, der die jüngeren Künstler aufforderte, sich von Texten, die Gewalt verherrlichen oder antisemitisch sind, zu distanzieren. Eine Frage schwingt in der Debatte mit: Wollen die schweigenden Musiker es sich nicht mit ihren Fans verscherzen?

Am Donnerstag dann die Kehrtwende bei Fischer. Sie schreibt bei Facebook, sie habe es „unangemessen und beschämend“ gefunden, die beiden Rapper bei der Preisverleihung in dieser Art „performen“ zu sehen. Der Musikpreis sei jahrelang ein Publikumspreis gewesen, auf den man stolz sein konnte. Sie habe sich über jeden einzelnen sehr gefreut. „Trotzdem finde ich, hätte man vorher überlegen sollen, ob man Gewalt, Hass und Wut eine solch große Präsenz im Fernsehen geben muss. Ich nehme an, dass ihr mir zustimmt, wenn ich hier sage: Nein.“

„Den Echo zu gewinnen, ist vielleicht das eine, die beiden dort auch noch auftreten und ihre Show machen zu lassen, fand ich persönlich bedrückend“, so Fischer. Ihr persönlich seien „Werte wie Menschlichkeit, Toleranz, Respekt und Gewaltfreiheit“ wichtig – „ganz gleich, woran man glaubt, woher man stammt, welche Hautfarbe man hat oder wen man liebt“.

Das Statement ist insofern interessant, weil Helene Fischer nicht für politische Äußerungen bekannt ist. Zum Thema Integration könnte sie wahrscheinlich einiges sagen: Fischer wurde in Sibirien geboren und kam als kleines Kind mit ihrer Familie aus Russland nach Deutschland, wo sie in Rheinland-Pfalz aufwuchs.

Nach der Echo-Verleihung war der Druck auf den Publikumsliebling groß. Bei Facebook kritisiert Fischer auch die Medien: Sie ärgere sich, dass das Thema in dieser Form mit ihrem Namen verknüpft werde. „Genau aus diesem Grund vermeide ich es sonst eigentlich lieber, Statements oder Interviews zu anderen Themen als meiner Musik zu geben, um den Medien nicht immer noch mehr Futter zu geben.“

Eine Ausnahme macht sie nun beim Echo – dieses Thema beschäftige sie einfach zu sehr. Es sei schade, dass die Provokation der Rapper so viel Promotion entstehen lasse. „Nicht nur, dass man ihren gewaltverherrlichenden, antisemitischen, homophoben und frauenverachtenden Texten ein Podium geboten hat . . . auch die Bedeutung des Echo ist somit komplett in den Hintergrund geraten . . .“ Fischer hofft demnach, „dass alle Verantwortlichen die Umsetzung des Echo überdenken“. Für sie sei in diesem Jahr „eine ethische Grenze klar überschritten“ worden.

Aus Protest gegen die Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang geben auch Dirigent Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden ihre Preise zurück. „Ein Preis, der Verkaufszahlen über alles stellt und am Holocaust-Gedenktag einem Live-Auftritt stattgibt, der einer Verhöhnung der Opfer des Dritten Reiches gleichkommt, wird zum Symbol eines Zynismus, für den wir nicht stehen“, erklärte das Orchester am Freitag in einer Mitteilung. Chefdirigent Thielemann schließe sich der Haltung der Musiker an und gebe seinen Echo Klassik von 2004 zurück, hieß es.

(dpa)