| 20:52 Uhr

Mainzer Unterhaus
Hacker im Dienst der Aufklärung

 Die Schauspieler (v.l.) Helmut Markwort, Sebastian Zipp, Helmut Schlösser, Gunther Emmerlich (sitzend), Frank Golischewski, Margit Sponheimer, Dennis Johnson und Jasmin Reif im Unterhaus-Theater.
Die Schauspieler (v.l.) Helmut Markwort, Sebastian Zipp, Helmut Schlösser, Gunther Emmerlich (sitzend), Frank Golischewski, Margit Sponheimer, Dennis Johnson und Jasmin Reif im Unterhaus-Theater. FOTO: dpa / Unterhaus Mainz
Mainz. Ganz weit macht sich die Kleinkunstbühne im Keller des Mainzer Unterhauses. Schließlich müssen dort Mittelalter und Gegenwart in Mainz, Straßburg und Rom Platz finden. Die Erfindung des Buchdrucks besingen Gunther Emmerlich, Margit Sponheimer und Helmut Markwort.

Gutenberg steigt vom Sockel seines Denkmals in Mainz und muss sich sehr wundern. Reformation, Digitalisierung und „Fake News“ – und das soll alles eine Folge seiner Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern sein? „Bin ich schuld oder bin ich nicht schuld?“ Diese Frage stellt das erste Musical über Gutenberg, das am Dienstagabend im Mainzer Unterhaus eine vielumjubelte Premiere gefeiert hat.

Viel Prominenz hat Autor und Regisseur Frank Golischewski engagiert, um das launige, sehr unterhaltsame und doch auch informative Stück auf die kleine Kellerbühne zu bringen. Der Dresdner Sänger Gunther Emmerlich spielt Gutenberg, der in einem Lied als Hacker gefeiert wird. Die Mainzer Sängerin, Fastnachterin und Ehrenbürgerin Margit Sponheimer tritt als Fremdenführerin auf und erklärt schwäbischen Besuchern, wer Gutenberg war: „der Steve Jobs der Renaissance“. Mit einer inbrünstig gesungenen und keine Grenze zum Kitsch scheuenden „Moguntia“-Hymne teilt das „Margitsche“ das Publikum: Den Mainzern werden die Augen feucht, andere verdrehen die Augen.

Und dann gibt es noch den ehemaligen „Focus“-Chefredakteur und jetzigen FDP-Abgeordneten im bayerischen Landtag, Helmut Markwort. In der Rolle des Johannes Fust, des Verlegers und Geldgebers Gutenbergs, bedient er gekonnt Klischees, fordert hartnäckig seine Rendite ein und immer wieder „Fakten, Fakten, Fakten“.



Kein Wunder, dass in diesem Durcheinander die Erfindung des Buchdrucks mitsamt Gutenberg beinahe auf dem Scheiterhaufen der Geschichte gelandet wäre. Denn Papst Calixto II. ist nicht an massenhaft gedruckten Bibeln interessiert: „Am Ende versteht jeder, was drin steht, das fehlte noch!“ Die Wahrheit müsse allein im Schoß der Kirche bleiben.

Aber der umtriebige Silvio Enea Piccolomini, von Golischewski selbst gespielt, setzt mit Blick auf die Kreuzzüge geschickt die Angst vor dem Islam ein: „Diese Bibel könnte uns helfen gegen die Muselmanen.“ Hier bringt das Stück nicht nur die arabische Herkunft der Schrift ins Spiel, sondern auch drei Migranten, die mit dem Song „Al-Andalus“ für ein musikalisches Highlight sorgen und die Herrschaft der muslimischen Kalifen im Süden der spanischen Halbinsel besingen.

Inniger Mittelpunkt des Musicals ist die gescheiterte Liebe der Straßburgerin Enelin von der Isernen Tür, in dieser und weiteren Rollen mitreißend dargestellt von Jasmin Reif. Als ihre Mutter rechnet Helmut Schlösser, Fastnachtsredner der „Bohnebeitel“ im Mainzer Vorort Mombach, Gutenberg vor: Zwei Jahre, vier Monate und drei Tage wartet ihre Tochter schon auf „le mariage“, auf die versprochene Eheschließung. Aber dazu wird es nie kommen; den Grund dafür singen Gutenberg und Enelin im Duett: „Der Stress, er macht sich täglich breit – er hat für Liebe keine Zeit.“

So versteift sich Gutenberg notgedrungen auf höhere Ziele: „Ich bin der Gutenberg, der mit der Wahrheit.“ Und wundert sich als Hacker, wie selbstverständlich die Menschen im 21. Jahrhundert mit dem Handy umgehen: „Ihr benutzt etwas, das ihr gar nicht versteht?“

Projektionen von Zeichnungen dienen als Bühnenbild für die schnell wechselnden Schauplätze. Für die musikalische Begleitung sorgt ein munteres Trio, das besondere Auftritte auch schon mal mit einer Kindertröte unterstreicht.

Weitere Aufführungen folgen bis zum 22. Januar. Etliche Abende seien bereits ausverkauft, sagt Unterhaus-Geschäftsführer Ewald Dietrich. Bereits fest geplant ist eine Neuauflage zum Jahreswechsel 2019/20.