| 22:10 Uhr

„Motherless Brooklyn“ im Kino
Alles klar beim Film Noir

 Gugu Mbatha-Raw als Anwältin Laura Rose, Edward Norton als Detektiv-Assistent Lionel Essrog.
Gugu Mbatha-Raw als Anwältin Laura Rose, Edward Norton als Detektiv-Assistent Lionel Essrog. FOTO: Warner / Glen Wilson
New York. Der Film „Motherless Brooklyn“ von und mit Edward Norton ist eine Film-Noir-Hommage an einen unbestechlichen Detektiv. Der gerät in den 1950er Jahren in einen Sumpf aus Korruption und Bestechung. Der Film startet jetzt. Von Franz Everschor

Der Titel „Motherless Brooklyn“ ist doppeldeutig, wie so vieles in dem Film von Edward Norton. Er bezieht sich auf Lionel, die Hauptfigur, den man in seiner Kindheit Brooklyn genannt hat, aber auch auf den New Yorker Stadtteil, der für Filmfans gleichbedeutend ist mit Gangstern, Korruption und Film Noir. Damit ist die Richtung klar. Norton, der hier gleichzeitig als Darsteller, Autor und Regisseur fungiert, erteilt sofort eine Lektion in bewundernder Film-Noir-Reminiszenz: Die furiose erste halbe Stunde treibt nicht nur die Handlung voran, sondern weckt sogleich verschüttete Erinnerungen an das glorreiche Genre zwischen „Die Spur des Falken“ und „Chinatown“.

Lange hat sich kein Filmemacher so ungehemmt in den Ingredienzen des klassischen Film Noir ausgetobt wie Norton. Gleich in den ersten Szenen wird man gewahr, dass die Story im Unterschied zum Roman von Jonathan Lethem in den 1950er Jahren spielt. Das Detektivbüro, in dem Frank Minna (Bruce Willis) den Boss abgibt, könnte das von Humphrey Bogart sein. Lionel verehrt seinen Chef, der ihn einst aus einem Waisenhaus geholt hat. Doch ein langes Leben ist Minna nicht vergönnt, auch wenn er bis zum Ende der Story im Hintergrund gegenwärtig bleibt. Die Handlanger eines mächtigen Mannes, dem Minna auf der Spur zu sein scheint, machen seinem Leben ein rasches Ende. Keiner außer Lionel traut sich, die vagen Andeutungen und Hinweise wie auf einer Perlenschnur aufzureihen, um herauszufinden, wer hinter dem Mordanschlag steckt.

Obwohl der Film nach dieser schweißtreibenden Einleitung an Tempo verliert, bleibt er konsequent auf der eingeschlagenen Spur, genauso wie Lionels untrüglicher Instinkt, der ihn auf ein zunächst kaum durchschaubares Netz aus wirtschaftlicher Korruption und politischer Intrige stößt. Er gerät an eine hübsche Aktivistin, die sich als Schlüsselfigur auf dem Weg zu einem skrupellosen Bauunternehmer entpuppt, der die Großkopferten bis hin zum Bürgermeister in der Tasche hat und für seine Spekulationen unter Druck setzt.



Weder die Figuren noch die Bestandteile der Handlung sind neu oder überraschend. Was an „Motherless Brooklyn“ fasziniert, sind die Hingabe und Versessenheit, mit denen sich Norton der Wiederbelebung des Film noir verschrieben hat. Auch wenn er sich dabei manchmal auf Seitenwege locken lässt oder die Umwege, die er einschlägt, ein bisschen zu gewunden sind, geht ihm nie der Atem aus. Figuren und Lokalitäten werden mit einer Akkuratesse und einem Flair beschrieben, die Anhänger des Genres hinreißen werden. Hinzu kommt die eigentümliche Komik von Lionels Nervenleiden – er leidet am Tourette-Syndrom.

Norton hat seine Mitarbeiter, zuvorderst Kameramann Dick Pope, der unter anderem zehnmal für Mike Leigh tätig war, den Cutter Joe Klotz und den Komponisten Daniel Pemberton, darauf eingeschworen, ihre modernen Mittel auf die Kreation einer Atmosphäre zu konzentrieren, die geradewegs aus den Filmen eines John Huston, Howard Hawks oder Raoul Walsh stammen könnte. 

„Motherless Brooklyn“ legt keine direkten Bezüge zur Gegenwart nahe, doch lässt es sich kaum vermeiden, die Gedanken gelegentlich nicht schweifen zu lassen. Immerhin spielt heute nicht nur in Brooklyn, sondern im ganzen Land ein vergleichbar selbstherrlicher Immobilienmogul die Hauptrolle. Nur die Lionels, die ihm auf die Schliche kommen und Rückgrat beweisen, sind dünn gesät.

„Motherless Brooklyn“ läuft ab Donnerstag in der Camera Zwo in Saarbrücken – am kommenden Dienstag um 20.15 Uhr ist er in der US-Fassung mit Untertiteln zu sehen.

 Bruce Willis als Detektiv Frank Minna.
Bruce Willis als Detektiv Frank Minna. FOTO: Warner / Glen Wilson