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Ausstellung in Mainz
Dichter Frauenlob im 21. Jahrhundert

Die Mainzer Germanistik-Studentinnen Antje Schilling (l) und Annisa Fehre stehen vor Comic-Tafeln, mit denen sie Verse des Minnesängers Frauenlob interpretiert haben.
Die Mainzer Germanistik-Studentinnen Antje Schilling (l) und Annisa Fehre stehen vor Comic-Tafeln, mit denen sie Verse des Minnesängers Frauenlob interpretiert haben. FOTO: dpa / Peter Zschunke
Mainz. Der Dichter starb schon vor 700 Jahren, aber ein studentisches Projekt holt seine Sprachbilder in die Gegenwart. In einer kleinen Schau an der Uni Mainz werden Selfies angeschmachtet und Augen sinnlich zum Leuchten gebracht.

Sehnsucht und unerfüllte Liebe verwandelten Minnesänger einst in poetische Verse. Ihre Sprachbilder beschäftigen uns bis heute, auch wenn wir andere Formen dafür wählen. So zeigt eine Ausstellung zum 700. Todestag von Frauenlob in Mainz das Bild einer namenlosen Schönheit auf dem Smartphone: „Das frauenlobische Dichter-Ich ist nun ein junger Mann, der dem Anblick des Selfies einer Unbekannten völlig verfällt“, heißt es im Katalog der studentischen Ausstellung „Zwischen Herz und Verstand“, die noch bis zum Todestag des Poeten am 29. November zu sehen ist.

„Wir wollten Frauenlob mit allen Sinnen erfassen“, erklärt Germanistik-Studentin Antje Schilling zum Konzept der Ausstellung. „Dabei ist uns das Mittelalter mit den Sprachbildern Frauenlobs sehr nahe geworden.“ Zusammen mit Annisa Fehre hat sie Comic-Tafeln gestaltet, die ein Minnelied Frauenlobs für die Smartphone-Generation interpretiert: „Mir ist ein wip / so nahen durch die ougen min / gebrochen in daz herze“ (Mir ist eine Frau ganz nah durch meine Augen in mein Herz gebrochen).

Die kleine Schau in der „Schule des Sehens“ auf dem Mainzer Campus ist Ergebnis eines ungewöhnlichen Lehrprojekts im zurückliegenden Sommersemester. Die Teilnehmer sollten dabei auch unterschiedliche Berufsfelder kennenlernen, von der visuellen Umsetzung der Ausstellungsideen über Museumspädagogik bis zum Marketing. „Ich denke schon, dass die Praxiserfahrung im Studium allgemein etwas zu kurz kommt“, sagt die Germanistin Sabine Obermaier, die zusammen mit ihrer Kollegin Claudia Lauer die Idee für das Projekt entwickelt hat.



Unter dem Motto „Mediävistik trifft Job & Karriere“ kamen die 25 Studentinnen und Studenten so mit Profis aus Grafikdesign, Marketing, audiovisueller Produktion und Museumspädagogik zusammen. „Das hat den Rahmen eines normalen Seminars gesprengt“, erklärt Obermaier. „Auch die Studierenden haben sehr viel mehr gearbeitet, als sie normalerweise erbringen müssen.“ Längerfristig sollten Räume und feste Strukturen für solche Vorhaben geschaffen werden, wünscht sich die Professorin.

Minnesänger? Mittelalter? Die ersten Reaktionen auf ihre Ausstellung seien ziemlich ablehnend gewesen, erzählen Annisa Fehre und Antje Schilling, die auf einem Stand in der Mainzer Innenstadt mit Karten und Luftballons für das Frauenlob-Projekt warben. Aber den beiden Frauen und ihren Mitstreitern für Frauenlob gelang es dann doch, Passanten wie Kommilitonen neugierig und die Vernissage mit einem prall gefüllten Raum zum Erfolg zu machen. „Da wurden Blut, Schweiß und Tränen endlich gewürdigt“, lacht Annisa Fehre.

Frauenlob sei durchaus modern gewesen, „ein Denker, der an die Grenzen geht und Grenzen verschiebt“, erklärt die Germanistin Claudia Lauer. „Und das ist ein Bild, das man gemeinhin vom Mittelalter nicht hat.“ Heinrich von Meißen, wie der fahrende Sänger nach seinem sächsischen Geburtsort eigentlich hieß, habe Sprachbilder verwendet, die wir auch heute noch verstünden und nutzten. Ein Vers wie der Zweizeiler „ich suchte mich, da vant ich min da heime nicht“ sei sprachlich sehr innovativ und reiche fast an Rainer Maria Rilke heran.

Unerreichbar ist in Frauenlobs Welt die adlige Frau hinter einer Festungsmauer. Ein Bild der Ausstellung zeigt eine Studentin, der die Festungsmauern als Bodypainting auf die Haut gemalt sind, zusätzlich bewehrt mit Rosen und Lilien. Das auf einer Staffelei platzierte Bild ist mit einer Lichtinstallation ergänzt, welche die Augen von Anne zusätzlich zum Strahlen bringen. Vielleicht so, wie Frauenlob das gedichtet hat: „Ich sach obe dem garten glesten / mir zwo sunnen durch min herze / sam sie mit mir wolden lachen immer me.“ In unsere Sprache gefasst: „Ich sah über dem Garten zwei Sonnen durch mein Herz leuchtend strahlen, so als wollten sie für immer mit mir lachen.“

Ist unsere Sprache heute ärmer als im Mittelalter? „Es könnte nicht schaden, ein bisschen mehr Poesie hineinzubringen“, antwortet Claudia Lauer. „Mit Metaphern kann man viel mehr sagen, als wenn man es sachlich auf einen Punkt bringt.“