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Dank Audiodeskriptionen
Mit neuer App ist Kino auch für Blinde ein Erlebnis

Berlin/Leipzig. Die Anwendung liefert Infos für sehbehinderte Filmfans. Die sogenannten barrierefreien Filme sind aber kostspielig.

Ein Taxifahrer hat Barbara Fickert gefragt, ob sie nur spielt. Ob sie nur vorgibt, nichts sehen zu können. Denn einen Fahrgast mit Blindenstock ins Kino zu bringen, erschien ihm irgendwie absurd. Doch die blinde Bloggerin genießt das Erlebnis Kino bereits seit Kindertagen, schätzt vor allem die Akustik im Saal. Bisher hat sie sich anhand der Dialoge den Inhalt erschlossen. Das klappte mal mehr, mal weniger gut. Das war vor allem davon abhängig, wie viel im Film gesprochen wurde. Inzwischen sind die Kinobesuche für Barbara Fickert und andere Menschen mit Sehbehinderungen aufschlussreicher geworden: Mit ihrem Smartphone können sie über Kopfhörer „barrierefreie Fassungen“ erleben.

Das gelingt durch Audiodeskriptionen. Sie beschreiben wichtige Handlungen, Gesten und Gesichtsausdrücke der Schauspieler – eben immer genau dann, wenn diese nicht sprechen. Ein Filmbeschreiber sagt etwa auf einer dieser Audiosdeskriptionen: Die blonde Frau zieht die Stirn kraus und wendet sich ruckartig ab. Oder: Der Schwimmer zieht seine fünfte Bahn durch das aufgewühlte Wasser.

„Das ist eine gute Möglichkeit für Blinde und Sehbehinderte, am kulturellen Leben teilzuhaben“, sagt Claudia Schaffer vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Sie haben nämlich die gleichen Bedürfnisse nach Unterhaltung wie Sehende. Deshalb ist es auch so wichtig, dass nicht nur Filme über Blindheit mit Audiodeskriptionen versehen werden, sondern eben auch Publikumsrenner wie der neue ‚Star Wars‘.“



Barbara Fickert ruft solche Audiodeskriptionen mit Hilfe der App „Greta“ ab. Dort stehen über 100 barrierefreie Fassungen von Actionfilmen, Dramen und Komödien zur Verfügung. Sie sind für den Nutzer kostenfrei. Bevor die Berlinerin ins Kino geht, lädt sie also die passende Hörbeschreibung auf ihr Mobiltelefon herunter. Im Kinosessel kann sie sie abspielen und bekommt über Kopfhörer die zusätzlichen Informationen. So rezensiert Barbara Fickert sogar Filme für ihren Blog „Blindgängerin“.

Grundsätzlich können Sehbehinderte sich auf diese Weise jeden Film, in jedem Kino, in jeder Vorstellung beschreiben lassen. Theoretisch. In der Realität ist dem aber nicht so. Marit Bechtloff, Vorsitzende der Vereinigung deutscher Filmbeschreiber Hörfilm e.V., erklärt: „Wir müssen zunächst ein Manuskript erstellen. Ein blinder Redakteur überprüft, ob das verständlich genug ist. Wenn nötig, wird überarbeitet. Ein professioneller Sprecher spricht die Beschreibungen dann im Tonstudio ein.“ Dieser Aufwand macht eine Audiodeskription für einen Film mehrere tausend Euro teuer.

Die Kosten für die Audiodeskription trägt der Produzent des Films oder der Film-Verleih, der die Kopien in die Kinos bringt. Seit 2013 sind nach dem Filmförderungsgesetz Audiodeskriptionen für Sehbehinderte verpflichtend. Bei ausländischen Produktionen hängt es allerdings am Geld, ob eine Produktion eine barrierefreie Fassung erhält. „Also daran, ob der Film genug einspielen wird“, sagt Johannes Klingsporn vom Verband der Filmverleiher. Inzwischen gibt es aber internationale Filmriesen wie Universal Pictures, Warner Bros. oder 20th Century Fox, die diese Kosten freiwillig tragen, um barrierefreies Kino zu ermöglichen.

Für den Geschmack von Barbara Fickert sind es allerdings noch relativ wenige Produktionen aus dem Ausland. Beim 60. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK Leipzig) wird Fickert sich Filme aus Kanada, den USA und Israel beschreiben lassen können. Dort werden vom 30. Oktober bis 5. November insgesamt 340 Filme gezeigt, davon 13 Werke mit Audiodeskriptionen. Inzwischen öffnen sich zunehmend auch Filmfestivals für sehbehinderte Gäste.

(epd)