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Der Mann, der das Licht willkommen hieß

New York/Berlin. Im Alter von 102 Jahren ist der chinesisch-amerikanische Architekt und Pritzker-Preisträger Ieoh Ming Pei in seiner Wahlheimat Manhattan gestorben. Berühmt für seine Louvre-Glaspyramide, entwarf Pei auch das Luxemburger Mudam. Von Christoph Schreiner

(cis) Ieoh Ming Pei studierte in den 1930er Jahren noch bei Walter Gropius und Marcel Breuer. 1917 in Guangzhou geboren, war Pei als 18-Jähriger in die USA ausgewandert, um dort am legendären Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Architektur zu studieren. Sieben Jahr später wechselte er nach Harvard, wo die großen Bauhaus-Architekten Gropius und Breuer dann zu Peis Lehrmeistern wurden. Die Klarheit des Bauhausstils verinnerlichte er früh und paarte sie später mit einem für seine Architektur dann kennzeichnenden Faible für luftige Stahl- und Glas-Konstruktionen.

Spätestens seit Pei 1964 nach dem Tod von John F. Kennedy in Boston die Gedenkbibliothek des Präsidenten bauen durfte, hatte sich der chinesisch-amerikanische Architekt und spätere Pritzker-Preisträger (1983) dann international schnell einen Namen gemacht. Dass er sich fortan I.M. Pei (gesprochen „I am Pei“) nannte, war das dazu passende selbstbewusste Statement. Wegweisender als sein Bibliotheksbau war hingegen der polygone Baukörper, den Pei für die Erweiterung der National Gallery of Art in Washington D.C. entwarf – erwies sich doch bereits hier Peis Meisterschaft im Verknüpfen moderner Architektur mit vorhandener Bausubstanz. Peis aus zwei versetzten Dreiecken konzipiertes „East Building“ trat dabei in einen stupenden Dialog mit dem neoklassizistischen Bestandsgebäude, wobei sein 1978 nach zehnjähriger Bauzeit freigegebener Neubau mit dem raffiniert aufgefalteten Dach selbst eine einzige Feier des Lichts war.

Knapp 20 Jahre später bewies Pei in Luxemburg mit seinem auf dem Kirchberg-Plateau auf den Überresten des alten Forts Thüngen errichteten, 2006 eröffneten Musée d’Art Moderne Grand Duc Jean (Mudam) einmal mehr, wieso ihm der Ruf vorauseilte, für komplexe Grundrisse architektonisch überzeugende Lösungen zu finden. Auch wenn das Mudam, so sehr auch hier die für Peis Architektur typische Dialoghaftigkeit von Innen und Außen nebst Materialqualität und Detailpräzision nicht fehlen, keines seiner Glanzstücke ist. In Europa verbindet man ihn fraglos mit der anfangs heftig umstrittenen Glaspyramide, die er als weithin sichtbares Markenzeichen seiner Pariser Louvre-Erweiterung entwarf, über die die Besucherströme seither unterirdisch höchst effizient verteilt werden. Dass dann auch Berlin „seinen“ Pei wollte, nahm da nicht Wunder. Also beauftragte man ihn, das barocke Zeughaus des Historischen Museums um einen Ausstellungstrakt zu erweitern.



Peis letzte architektonische Hinterlassenschaft, das 2008 von ihm in Doha, Hauptstadt des Öl-Emirats Katar, fertiggestellte Museum für Islamische Kunst, zeigt auf 260 000 Quadratmetern Grundfläche weit mehr als seine Pariser, Berliner oder Luxemburger Architektur die ästhetische und baukompositorische Kraft dieses Baumeisters. Prägend für den Prachtbau sind dessen verschobene Achtecke, die sich stufenpyramidisch auftürmen und ihm eine ebenso majestätische wie kühle Anmutung verleihen. Auf der anderen Seite hat kaum ein Architekt ähnlich wie der nun im biblischen Alter von 102 Jahren in seiner Wohnung in Manhattan gestorbene Pei immer wieder derart ins Unterirdische gewirkt. Maßstäbe setzte dabei insbesondere sein Miho-Museum bei Kyoto, das fast vollständig ins Berginnere gebaut ist. Er war also alles andere als ein Blender.