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Festival Primeurs
Eine diskret inszenierte Intimität

 Erstmals fand die Festivaleröffnung von Primeurs im Forbacher Le Carreau statt. Am Mittwoch lasen Nico Ehrenteit (links) und Gurshad Shaheman (Autor, Darsteller und Regisseur in Personalunion) auf deutsch und französisch aus „Pourama Pourama“.
Erstmals fand die Festivaleröffnung von Primeurs im Forbacher Le Carreau statt. Am Mittwoch lasen Nico Ehrenteit (links) und Gurshad Shaheman (Autor, Darsteller und Regisseur in Personalunion) auf deutsch und französisch aus „Pourama Pourama“. FOTO: Kerstin Krämer
Forbach. Mit dem schillernden Stück „Pourama Pourama“ ist das Primeurs-Festival in Forbach gestartet. Es ist die Geschichte einer schwierigen Adoleszenz. Von Kerstin Krämer

Da mussten die Primeurs nun bis zu ihrer 13. Ausgabe warten, um einen Auftakt auf französischem Boden zu erleben: Am Mittwoch fand die Eröffnung des Festivals für frankophone Gegenwartsdramatik zum ersten Mal im gut besuchten Forbacher Le Carreau statt, wo der Beaujolais-farbene Velours der Sessel süffig mit dem Weinrot des Programmhefts harmonierte. Und vermutlich war‘s kein Zufall, dass Gurshad Shaheman und Nico Ehrenteit, die hier im deutsch-französischen Wechsel aus Shahemans Stück „Pourama Pourama“ lasen, ebenfalls Signalrot trugen.

„Pourama Pourama“ ist eine so genannte Autofiktion; eine Art persönliches, fiktiv erweitertes Bekenntnis. Diesem Genre mit ungewissem Wahrheitsgehalt gehörten bemerkenswert viele der rund 50 neuen, französischsprachigen Theatertexte an, die das Lektürekomitee der vier Partnerinstitutionen (Le Carreau, Institut Francais, SR2 KulturRadio und Saarländisches Staatstheater) im Vorfeld gesichtet hatte – insgesamt sechs Stücke sind jetzt als Lesung, Werkstatt-Inszenierung oder Live-Hörspiel (meist mit Übertiteln) im Wettbewerb. Sie konkurrieren um den Autorenpreis in Höhe von 3000 Euro und den mit 1000 Euro dotierten Übersetzerpreis, die am Samstag beide erstmals von einer Fachjury vergeben werden. Neu ist außerdem ein Publikumspreis.

Innerhalb des autofiktiven Dramas scheint nun wiederum das „Seul-en-scène“ (wörtlich übersetzt „Allein auf der Bühne“) ein speziell französisches Phänomen zu sein. Zwei dieser Stücke hat Primeurs daher eigens fürs Festival übersetzen lassen. Für das eröffnende „Pourama Pourama“ wurde das bewährte Team Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand (letzterer selbst mehrfacher Preisträger) verpflichtet. „Pourama Pourama“, als Produktion des Festivals Les Rencontres à l‘échelle/Les Banc Publics (Marseille) von der Zeitschrift „Les Inrocks“ zu den „fünf besten Theaterabenden 2015“ gekürt, ist eigentlich eine Trilogie von knapp fünf Stunden Spieldauer.



Autor Gurshad Shaheman, der mit dem Centre Dramatique National Normandie-Rouen und dem Brüsseler Théâtre des Tanneurs kooperiert, agiert dabei als Performer und Regisseur in Personalunion und erzählt seine eigene Geschichte: die eines im Iran geborenen Jungen, der während seiner Kindheit unter dem Krieg und seinem autoritären Vater leidet und im Alter von zwölf Jahren mit seiner geschiedenen Mutter nach Paris zieht, wo er später homosexuelle Liebschaften auslebt.

Für Primeurs hatte Shaheman nun ausschließlich den ersten Teil „Touch me“ ausgewählt und gekürzt, der die komplizierte Beziehung zu seinem Vater beschreibt. Kindheitserinnerungen und Schilderungen des Erwachsenen zeugen von einer schwierigen Adoleszenz: Da geht’s um Distanz und Nähe, um Erziehungsrituale, Pubertät und Sexualität, Scham, krude familiäre Regeln – und den Versuch, sich trotzdem zu einem Mann zu entwickeln, der seinen eigenen Bedürfnissen gerecht wird und dem alten und kranken Vater gegenüber dennoch fair und sensibel bleibt.

Gurshad Shaheman und Nico Ehrenteit lasen zum Soundtrack Lucien Gaudions und wagten zu Samantha Fox‘ 80-er Hit „Touch me“ einen Silhouettentanz vor der Leinwand, über die erst zum Finale authentische Fotos aus Shahemans Familienalbum flimmerten.

Im anschließenden Gespräch mit Laurence Lang, die als Interimsdirektorin des Carreau den Abend zusammen mit Staatstheater-Intendant Bodo Busse eröffnet hatte, plauderte er über sein Anliegen: Intimität zu inszenieren und dabei diskret zu bleiben. Anspruch eingelöst!