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Meister konstruierter Beiläufigkeit

 Fotograf Peter Lindbergh bei der Eröffnung seiner Werkschau in der Berliner Galerie C/O. Foto: dpa
Fotograf Peter Lindbergh bei der Eröffnung seiner Werkschau in der Berliner Galerie C/O. Foto: dpa
Berlin. Das Schwarz-Weiß-Foto "Hugo Boss Show" sieht aus, als hätte der Modefotograf Peter Lindbergh ganz aus Versehen auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt: Zu sehen sind darauf die Pumps und der Ansatz von Frauenbeinen sowie Männerschuhe und der untere Teil eines Anzugs. Wie die Gesichter und Körper der dazugehörigen Personen aussehen, erfährt der Betrachter nicht Von dapd-Mitarbeiterin Patricia Czarkowski

Berlin. Das Schwarz-Weiß-Foto "Hugo Boss Show" sieht aus, als hätte der Modefotograf Peter Lindbergh ganz aus Versehen auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt: Zu sehen sind darauf die Pumps und der Ansatz von Frauenbeinen sowie Männerschuhe und der untere Teil eines Anzugs. Wie die Gesichter und Körper der dazugehörigen Personen aussehen, erfährt der Betrachter nicht. Immer wieder fotografiert der Künstler internationale Stars in Positionen und Situationen, die rein zufällig und unvorbereitet erscheinen. In Lindberghs aktueller Ausstellung "On Street" in der Berliner Galerie C/O sind noch bis 9. Januar über 120 zum Teil unveröffentlichte Bilder und Filme zu sehen. Trotz seines beifällig wirkenden Fotografiestils macht Lindbergh keinen Unterschied zwischen Auftragsarbeit und freier Arbeit. "Man geht nicht morgens aus dem Haus und sagt, heute mache ich eine Auftragsarbeit und morgen geh ich raus und dann mache ich Kunst. Man geht einfach raus", sagt der in Lissa, im heutigen Polen, geborene Fotograf. Lindbergh machte sich bereits 1973 als Fotograf selbstständig. Mit ersten Modeaufnahmen im "Stern" gelang ihm 1978 der Durchbruch. Seither beschränkte sich der heute 65-Jährige aber nicht nur darauf, für internationale Modemagazine wie "Vogue", "Vanity Fair" und "Marie Claire" zu fotografieren, sondern arbeitete auch für Designer wie Calvin Klein, Giorgio Armani, Jil Sander und Karl Lagerfeld. Auch arrangiert er seine Aufnahmen häufig nach berühmten Filmszenen. Obwohl Lindbergh schon die schönsten Frauen - ob Models, Schauspielerinnen oder Sängerinnen - vor der Kamera hatte, fasziniert ihn eine von ihnen ganz besonders. "Die anziehendste und beeindruckendste Frau ist Jeanne Moreau. Sie ist jetzt 82 Jahre alt und einfach eine fantastische Frau und Person", schwärmt der Fotograf. Sie sei so interessant, dass man sie das ganze Leben lang fotografieren könne. Die heutigen Frauen könnten mit der französischen Schauspielerin und Sängerin nicht mithalten. "Bei einem 17-jährigen russischen Model mit Untergewicht gibt es einfach nicht viel zu fotografieren", sagt Lindbergh. Neben Fotografien berühmter Persönlichkeiten wie Kate Moss, Tilda Swinton, Milla Jovovich, Nadja Auermann und Helena Chistensen nimmt die Stadt Berlin eine zentrale Rolle in der Schau ein. "Ich habe eine ganz nebulöse Vorstellung von Berlin, die darauf beruht, dass ich für ein Jahr in Berlin war, als ich 18 Jahre alt war", erinnert sich Lindbergh. Auch heute herrsche in der Hauptstadt noch eine ganz besondere Stimmung. In der Schau sind mehrere Dutzend Berlin-Bilder zu sehen, die Lindbergh für eine Serie der Zeitschrift "Vogue" fotografierte. Die meisten der ausgestellten Bilder sind schwarz-weiß. "Paradoxerweise finde ich, dass Schwarz-Weiß realistischer ist als Farbe", erklärt der Fotograf seine Vorliebe für diese Form der Fotografie. Künstler sehen eben die Welt oftmals mit anderen Augen als der Betrachter.