| 22:01 Uhr

Hörbuch-Rezension
Matt Haig lehrt einen Fast-Unsterblichen „wie man die Zeit anhält“

Wie man die Zeit anhaelt von Matt Haig
Wie man die Zeit anhaelt von Matt Haig FOTO: Der Hörverlag
Zweibrücken. Matt Haig mag geheimnisumwitterte Helden mit Spezialfähigkeiten, die sich von der Masse abheben und doch menschlicher sind als alle anderen. War es in „Ich und die Menschen“ ein Außerirdischer mit gigantischem Wissen und Fähigkeiten, der seine wahre Identität im geklauten Körper eines Menschen verheimlichen musste, so ist es in „Wie man die Zeit anhält“ ein Mann, der nur ultra-langsam altert. Von Eric Kolling

Tom Hazard, geboren 1581, lebt Jahrhunderte lang, hat die Elizabethanische Ärä in England erlebt, die Expeditionen von Captain Cook in der Südsee, das Paris der 20er Jahre – und seine Liebsten sterben sehen. Doch mit seiner „Krankheit“ ist er nicht allein. Und viele seiner Gleichgesinnten sind organisiert in der sogenannten Albatross-Gesellschaft, in der ein undurchsichtiger Mann namens Hendrich das Sagen hat. Seine eiserne Regel ist ein Liebesverbot der Albatrosse gegenüber den „Eintagsfliegen“, den normalen Menschen. Er hält die Hand über seine Schützlinge, stattet sie alle paar Jahr mit neuen Identitäten aus, fordert dafür aber auch mal einen Mord – und ein Lügner ist er obendrein.

Hazard hingegen, immer in der Gefahr als biologische Anomalie enttarnt zu werden, möchte einfach nur seine Tochter finden, die ebenfalls langsam altert, die er aber vor Jahrhunderten verlassen musste. Zu Beginn nimmt er eine Tätigkeit als Lehrer in London an – was bald zum schmerzhaften Eintauchen in die Vergangenheit wird. Denn dort hatte er einst Rose, die Liebe seine Lebens, getroffen und sie dann an der Pest sterben sehen. Nun bewegt er sich wieder in den Straßen von einst, an ihrem früheren Wohnhaus. Und dann ist da noch die entzückende Lehrerkollegin Camille…

Haig vermischt die Zeitebenen geschickt, treibt die Handlung durch einen steten Wechsel von Gegenwart in London und Zeitsprüngen etwa ins Suffolk von 1599, Paris von 1928 oder Tahiti von 1767, und Hazards damaligen Erlebnissen voran. Man erfährt, wie er zur Albatros-Gesellschaft kam. Wie seine Mutter als Hexe getötet wurde – weil er so langsam alterte. Wie er im Theaterensemble von Shakespeare spielte, Schriftsteller Scott Fitzgerald in einer Bar traf. Doch es sind noch nicht einmal die gelungenen Nebenbei-Geschichtsstunden, die in Haigs zweitem Werk faszinieren. Es ist die sensible wie mitreißende Liebesgeschichte, die er entspinnt. Und natürlich sein Sinnieren über die Frage, wie sich die Unendlichkeit anfühlt. Wie würde man damit umgehen, alles schonmal erlebt zu haben? Was verleiht dem Leben Sinn?



„Stromberg“-Mime Christoph Maria Herbst, auch Interpret des ersten Haig-Buchs, verleiht der leidenden, sterbenden Frau ebenso glaubwürdige Klasse wie dem fiesen Gangsterboss und dem zweifelnden, sinnierenden Hazard.

Matt Haigh: Wie man die Zeit anhält. Der Hörverlag, vollständige Lesung, 571 Minuten, ISBN