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Luxemburgs neue Nationalbibliothek
Luxemburgs künftige Bücher-Herberge

Das Modell der neuen Luxemburger Nationalbibliothek mit deren markantem, Besucher förmlich ansaugenden Entrée.
Das Modell der neuen Luxemburger Nationalbibliothek mit deren markantem, Besucher förmlich ansaugenden Entrée. FOTO: Architekturbüro Bolles + Wilson / Tomasz Samek
Luxemburg. Das Großherzogtum leistet sich für 112 Millionen Euro eine neue Nationalbibliothek. An deren altem Standort soll eine Nationalgalerie entstehen. Von Christoph Schreiner

Eine eigene Tram-Haltestelle mit dem Namen „Nationalbibliothéik“ auf dem Plateau Kirchberg gibt es längst. An der neuen Luxemburger Nationalbibliothek aber, die jüngsten Ankündigungen zufolge im Frühjahr 2019 definitiv ihren Betrieb aufnehmen soll, versperrt weiter ein Bauzaun den Zutritt. Drinnen und draußen wird noch kräftig gewerkelt. 112 Millionen Euro lässt sich das Großherzogtum seine neue Zentralbibliothek kosten, deren mehr als 1,8 Millionen Medien – was in etwa dem Gesamtbestand der Saarbrücker Universitäts- und Landesbibliothek entspricht – derzeit auf sieben Standorte verstreut sind.

15 Jahre (!), nachdem das Münsteraner Architekturbüro Bolles + Wilson aus dem Architekturwettbewerb als 1. Preisträger hervorging, nimmt sein Neubau nun gut vier Jahre nach Baubeginn endlich Gestalt an. Der erste Eindruck ist eine herbe Enttäuschung: Was im Modell noch einigermaßen konsistent anmutete, wirkt in natura nun wie ein nicht eben eleganter Zweckbau, mit dem man eher eine Versicherung oder dergleichen verbinden würde. Zur mehrspurigen Avenue de John F. Kennedy hin ist das Entree zwar markant eingeschnitten: Sein überkragender Vorbau ist teilweise nach innen abgekippt und bildet zugleich zwei spitz zulaufende, perspektivisch gegeneinander verschobene Fassadendreiecke.

Was die äußere Raumkubatur des in changierenden Sandstein-Rottönen gehaltenen, aus Betonfertigteilen zusammengesetzten Bauwerks anbelangt, ist dies das gelungendste und originellste Detail. Sieht man von dem an einen gestutzten Flughafentower erinnernden, wehrhaften Turmaufbau zur Rechten des sich am Boulevard Konrad Adenauer entlangziehenden Neubaus ab. Er ist ansonsten eher von reizloser Klobigkeit, weil die Fensterflächen, obwohl zu Genüge vorhanden, gegen den wuchtigen Baukörper kaum ankommen: Sowohl die bordürenartigen Fensterbänder als auch die Sehschlitzen gleich eingelassenen Einzelfenster wirken unterdimensioniert – womöglich war dies den Nutzungsanforderungen geschuldet. Nicht minder befremdlich ist, dass beide Längsfassaden im Magazinbereich von Steinkorb-Mauern (Gabionen) eingefasst werden – ein Materialmix, der nicht aufgeht.



Erste Innenaufnahmen, die in Luxemburger Medien zu sehen waren, deuten denn auch daraufhin, dass die architektonischen Qualitäten des fünfgeschossigen Bibliotheksneubaus auf dem Plateau Kirchberg – keinen Kilometer von Philharmonie und dem Mudam-Nationalmuseum entfernt – vornehmlich im Inneren zum Tragen kommen dürften. Er entfaltet sich auf 24 000 Quadratmetern Gesamtnutzfläche (Bruttogeschossfläche: 38 200 Quadratmeter) und bietet mehrere Konferenzräume in den Obergeschossen, einen riesigen, dreigeschossigen Lesesaal mit einem „Lesedeck“ im dritten OG, ein fünfgeschossiges Magazin (mit einer konservatorisch-konstanten Raumtemperatur von 18 Grad dort, wo bibliophile Werke lagern), einen veritablen Ausstellungsraum, eine Mediathek sowie ein Café und Freiluftterrassen. Ein Sechstel des künftigen Gesamtbestandes (sprich 300 000 Publikationen) soll, wie es im Konzeptpapier heißt, als Präsenzbibliothek verfügbar sein. Von einer „Bibliothek des 21. Jahrhunderts“ ist die Rede – mit Computerarbeitsplätzen in Hülle und Fülle sowie einem automatisierten Transport- und Sortiersystem inklusive, das eine Medienrückgabe rund um die Uhr vorsieht.

Zu den Kernaufgaben der neuen Bibliothèque nationale de Luxembourg (BNL) wird nicht alleine die Aufbewahrung, Dokumentation, Restaurierung und Bereitstellung des gesamten Luxemburger Schrifttums gehören. Von hier aus soll darüber hinaus auch das gesamte Bibliothekswesen im Großherzogtum samt dessen künftiger Digitalisierungsstrategie zentral koordiniert werden. Ihr Jahresetat soll dem Vernehmen bei 12,66 Millionen Euro liegen. Dennoch ist, noch ehe die BNL überhaupt eröffnet worden ist, bereits verschiedentlich Kritik an der Standortwahl laut geworden. Grund: Auf dem Kirchberg sei man zu weit entfernt von der in Belval (Esch-sur-Alzette) beheimateten Universität und auch nicht gerade in Nachbarschaft des Luxemburger Nationalarchivs auf dem Plateau Saint-Esprit. Von offizieller Seite heißt es indes, die BNL verstehe sich als komplementäre Ergänzung zur Universitätsbibliothek in Belval. Was so viel heißen soll wie: Studenten werden künftig nicht auf den Kirchberg pendeln müssen.

Der Umzug der bislang noch in einem alten Jesuitenkolleg am Boulevard Roosevelt unweit der Kathedrale untergebrachten Nationalbibliothek wird Luxemburg mittelfristig dann eine „Galerie nationale d’art luxembourgeois“ bescheren – Luxemburgs alter und mutmaßlich auch neuer Premier Xavier Bettel hatte dies bereits vor zwei Jahren vorgeschlagen. Ab 2020 sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden. Das „Ale Kolléisch“ soll binnen drei Jahren umgebaut und ab 2023 dann (neben 36 Wohneinheiten für betreutes Wohnen auf 1600 m2) eine Nationalgalerie beherbergen – ein Coup Bettels, der zugleich auch Kulturminister des Landes ist.

Im Luxemburger „Journal“ wurde er von ein paar Monaten mit den Worten zitiert, Ziel seiner Pläne sei es, „der Luxemburger Kunst einen Platz zu bieten, wo sie die nötige Aufwertung erfährt“. Immerhin 1000 m2 Ausstellungsfläche sind dafür vorgesehen, wobei Bettel im „Journal“ klarstellte, dass „wir kein Ghetto für Luxemburger Kunst schaffen werden“. Neben einer permanenten Überblicksschau zur jüngeren nationalen Kunstgeschichte soll es Wechselausstellungen geben. Komplettieren wird das Ganze ein Dokumentationszentrum, in dem die luxemburgische Kunstgeschichte von ihren Anfängen bis heute aufgearbeitet werden soll – unterm Strich ein ambitioniertes Vorhaben.

Dass die künftige „Galerie nationale d’art“ an das Musée nationale d’histoire et d’art“ (MNHA) angedockt werden soll, ergibt Sinn. Und dürfte zugleich dem Luxemburger Mudam den Rücken frei halten: In recht frischer Erinnerung sind noch die Konflikte des Ex-Mudam-Direktors Enrico Lunghi mit luxemburgischen Künstlern, die sich im Mudam unterrepräsentiert fühlten. Dass mit der nun gefundenen salomonischen Lösung, die Luxemburger Kunst künftig in einer neuen Nationalgalerie zu konzentrieren, dieser Kelch auch an Lunghis Nachfolgerin Suzanne Cotter vorbeigehen wird, dürfte diese begrüßen. Das Mudam wird damit in seiner Ausstellungspolitik nicht Gefahr laufen – anders als von konservativen Kräften in der Vergangenheit gerne gefordert – künftig „nationalisiert“ zu werden.

Bauzäume versperren noch den Blick auf den Eingangsbereich der BNL (links) – ein langgezogener Neubau mit 24 000 Quadratmeter Nutzfläche.
Bauzäume versperren noch den Blick auf den Eingangsbereich der BNL (links) – ein langgezogener Neubau mit 24 000 Quadratmeter Nutzfläche.