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Analye von Literaturwissenschaftler Heinrich Detering
Die Feinheiten der populistischen Sprache

Literatur­wissenschaftler Heinrich Detering. Foto: Rumpenhorst/dpa 
Literatur­wissenschaftler Heinrich Detering. Foto: Rumpenhorst/dpa  FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Bonn. Sprachkritik gab es bei der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken: Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat sich Äußerungen der AfD und von Horst Seehofer genauer angeschaut. Was folgert er? Von Joachim Heinz

Draußen geht die Sonne unter, drinnen geht ein Licht auf. Freitagnachmittag in Bonn, Hauptversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Es tritt ans Rednerpult: Heinrich Detering, Professor für Literaturwissenschaft in Göttingen. ZdK-Präsident Thomas Sternberg und Generalsekretär Stefan Vesper haben den renommierten Forscher eingeladen, den Sprachgebrauch der parlamentarischen Rechten zu analysieren. Detering, selbst Mitglied im ZdK, tut das, ohne Schaum vor dem Mund – anhand von konkreten Beispielen.

Hier drei davon – zusammen mit der Analyse des Experten: „Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden zu besänftigen?“ (AfD-Politikerin Beatrix von Storch per Twitter am Silvesterabend 2017). Von Storch wurde wegen dieses Tweets, mit dem sie sich über arabische Neujahrsgrüße der Kölner Polizei empörte, kurzzeitig beim Kurznachrichtendienst Twitter gesperrt. Detering bezeichnet die Wortwahl als „offensichtlich beleidigend und verletzend“, lenkt den Blick jedoch auf den Satzbau.

Bemerkenswert sei die „unauffällige Parallelisierung der drei Attribute“. Die Politikerin habe das „muslimisch“ zwischen „barbarisch“ und „gruppenvergewaltigend“ so selbstverständlich eingeschoben, „als gehöre es zum selben Begriffsfeld“. Dass „barbarische Gruppenvergewaltigungen“ von jemand Anderem als Muslimen begangen werden könnten, liege bei von Storch unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Lektion eins: Sprache kann Befindlichkeiten konstruieren, die nicht zwingend mit der Realität übereinstimmen



„Wenn die Franzosen zu Recht stolz auf ihren Kaiser sind und die Briten auf Nelson und Churchill, haben wir das Recht, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.“ (Alexander Gauland am 2. September 2017 beim „Kyffhäusertreffen“ der AfD in Thüringen). Bei Gaulands Vergleich falle eine semantische Asymmetrie auf, so Detering. „Auf der einen Seite stehen drei Personen, Napoleon, Lord Nelson und Churchill; auf der anderen Seite hingegen steht ein Abstraktum, nämlich eine Gesamtheit von Leistungen.“ Eine wie von Gauland gewünschte Analogie ergäbe sich freilich erst, „wenn auf der einen Seite die britische Armee im Zweiten Weltkrieg stünde und auf der anderen die deutsche Wehrmacht“.

Das hieße dann, „dass die Leistungen in der Niederschlagung des Nationalsozialismus ebenso bewundernswürdig seien wie die Taten der Kämpfer für den Nationalsozialismus selbst“, so der Literaturwissenschaftler. „Oder es stünde, falls es beim Vergleich historischer Personen bleiben sollte, auf der einen Seite der Oberbefehlshaber Winston Churchill und auf der anderen der Oberbefehlshaber Adolf Hitler.“

Lektion zwei: Es lohnt, die Dinge sprachlich zu Ende zu denken, um die Ideen- und Gedankenwelt eines Politikers in Gänze zu erfassen. „Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land.“ (Bundesinnenminister Horst Seehofer am 6. September 2018 im Interview der „Rheinischen Post“)

Seehofer werte damit die Migrationsfrage – „wie immer die auch genau lauten mag“ – als „Überbietung aller anderen Fragen“, erläutert Detering. So wie der irakische Diktator Saddam Hussein 1990 vom Zweiten Golfkrieg als der „Mutter aller Schlachten“ sprach. „Es gäbe, so besagt der Satz ausdrücklich, keine politischen Probleme mehr, wenn es ‚die Migrationsfrage‘ nicht gäbe“, fasst der Literaturwissenschaftler zusammen.

Lektion drei: Sprachliche Mehrdeutigkeiten und Radikalisierungen finden sich inzwischen nicht mehr nur am äußeren Rand, sondern auch in der Mitte der Politik. Sprache ist der wichtigste Träger von nationaler Einheit und kultureller Identität, lautet Deterings Credo. Umso wichtiger sei es, sorgsam mit ihr umzugehen, anstatt mit billiger Polemik oder wüsten Beschimpfungen andere Menschen auszugrenzen. Denn dann werde aus der Sprache Goethes, Lessings oder Fontanes bloß „der schlecht verkleidete Jargon von Gangstern“. Detering tritt ab – lang anhaltender Applaus.

Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland mit Beatrix von Storch, der stellvertretenden AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden, Mitte November in Magdeburg.
Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland mit Beatrix von Storch, der stellvertretenden AfD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden, Mitte November in Magdeburg. FOTO: dpa / Sebastian Willnow