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Literatur
Eine schöne Stadt durch Ästhetik im Kleinen

 Die Art Déco-Eingänge zur Pariser Metro wie dieser an der Station Blanche sind heute Landmarken und bereichern das Stadtbild.
Die Art Déco-Eingänge zur Pariser Metro wie dieser an der Station Blanche sind heute Landmarken und bereichern das Stadtbild. FOTO: Getty Images/ istock / smartin69
Paris. Der Städtebau-Historiker Vittorio Magnago Lampugnani widmet sich in seinem Essay-Band „Bedeutsame Belanglosigkeiten“ den kleinen Objekten im Stadtbild – damals und heute.

Ein Buch ist dies, das es wert wäre, in allen Stadtbau- und kommunalen Planungsämtern studiert zu werden. Verbunden mit der Hoffnung, dass seine alles anders als oberlehrerhaften, Mäßigung und Homogenität nahelegenden Empfehlungen womöglich beherzigt würden. Und insoweit – je nach Lage der Dinge – der Überfrachtung, Verhunzung oder Beliebigkeit unserer Stadträume mehr Einhalt geboten würde. Lehrt dieses Buch des italienischen Stadtwissenschaftlers und Architekten Vittorio Magnago Lampugnani doch, dass sich die Qualität unserer Städte nicht zuletzt am Umgang mit ihren den öffentlichen Raum prägenden Mikroarchitekturen und Stadtmöbeln bemisst.

In 22 kenntnisreichen, historisch erhellenden und stilistisch beglückenden Essays widmet sich Lampugnani, der an der ETH Zürich lange Stadtbaugeschichte gelehrt hat, „bedeutsamen Belanglosigkeiten“ – sprich all den kleinen Objekten im Stadtbild damals und heute. Von Bänken und Denkmälern über Trinkhallen, Metroeingänge und Telefonzellen bis hin zu Abfallkörben, Pollern, Ampeln oder Gullydeckeln. Lampugnani hat eine ebenso sinnfällige wie liebevolle Auswahl dieser oft übersehenen Stadtelemente getroffen und erzählt auf fesselnde Weise ihr Aufkommen, ihre unterschiedliche Ausgestaltung in europäischen Metropolen bis hin zu ihrem heutigen, nicht selten zwischen schnöder Funktionalität und postmoderner Verblasenheit schwankendem Los. So ist denn auch der einzige Einwand, der sich gegen diese Würdigung unseres Stadtinventars vorbringen lässt, dass sie nicht gleich das gesamte mikroarchitektonische Sortiment von A bis Z in Blick genommen hat. Hätte man Lampugnani so doch noch ein paar hundert Seiten mehr folgen können.

Das Buch richtet sich an alle Stadtliebhaber und passionierten Flaneure, die auch scheinbar Belangloses in den Blick nehmen. Was damit gemeint ist, umreißt Lampugnani schon in seiner Einleitung: „Die Art und Weise, wie der Boden behandelt ist: der Fahrbahnbelag, das Trottoir, der Randstein. (….) Aber es geht noch mehr ins Detail: Wasserabläufe, Schachtabdeckungen, Bodengitter, Bodenbezeichnungen und –beschriftungen markieren ebenfalls die Städte.“



Keine andere Metropole wurde so umfassend und homogen gestaltet wie das Paris des Second Empire unter Napoleon III. Das ist einer der Gründe, weshalb Paris (neben Berlin, Zürich, London, Rom und Mailand) immer wieder Erwähnung findet in Lampugnanis mit historischen Aufnahmen reich illustriertem Band. Gabriel Davioud, Chefarchitekt des Pariser Präfekten Georges-Eugène Haussmann, entwarf Prototypen jener Zeitungskioske, Pissoirs, Parkbänke oder Straßenleuchten, die dann oft Pate standen für Designentwürfe von Mikroarchitekturen in anderen Metropolen.

Lampugnani gelingt das Kunststück, auf vier, fünf Seiten nicht nur die Geschichte jedes seiner 22 ausgewählten Stadtelemente zu erzählen, dabei die jeweiligen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekte (und Kurioses wie etwa die Holzpflasterungen im London der 1880er Jahre oder die zur selben Zeit mit einem Baumwoll-Wachs-Gewebe ausgespannten Pariser Telefonhäuschen) einzuflechten. Sondern er nimmt auch die heutigen Design-Versionen in Blick, um am Ende jedes seiner 22 Mini-Essays ein nicht selten kritisches Resümee zu ziehen. Geschuldet der durch Sparzwänge, fehlendem Gestaltungswillen und bürokratischer Engstirnigkeit ausgehöhlten Aufenthaltsqualität unserer Städte. Es wundert nicht, dass er dem Verschwinden der klassischen Telefonhäuschen nachtrauert („auf unseren Straßen und Plätzen wird ihre leicht fremde und doch vertraute Präsenz, die von ihnen suggerierte Illusion von kleinen Zufluchtsorten fehlen“). Oder er die optische Vermüllung unserer Städte mit Werbung und minderwertigen Baumaterialien geißelt und für eine „möglichst regelmäßige, blendfreie, moderate Beleuchtung des Stadtraums mit angenehm warmem Licht“ plädiert.

Dass Lampugnani vermeintlich nachrangigem Stadtdekor wie Abfallkörben („sie sollten unauffällig auftreten, aber in funktionellem, sorgfältig gestaltetem Kleid“) oder Einfriedungen Aufmerksamkeit widmet, ist nur allzu berechtigt. Erweist sich die Gestaltungskultur unserer Zeit doch auch am Umgang mit Kleinteiligem. „Der Rückzug auf billige Serienprodukte“, heißt es etwa unter Bezugnahme auf heutige Einfriedungen, „machte Schule und zeitigte belanglose Betonmauern und technisch anmutende, sterile und abweisende Metallzäune“. Wobei Lampugnani auch Zeichen der Umkehr ausmacht: „Heute gewärtigt man eine Wiederentdeckung der Schönheit und stadträumlichen Bedeutung der Einfriedungen. Die historischen Gitter und Zäune werden restauriert und so die Liegenschaften, aber auch und vor allem die Straßen der alten Quartiere aufgewertet.“ Kein Zweifel: Vittorio Magnago Lampugnanis stadtästhetische Appelle sensiblisieren, all diesen stillen Gefährten unserer Städte mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Und verdienten es, beherzigt zu werden.

Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum. Wagenbach, 189 Seiten, 30 Euro

 Funktional: die Bestuhlung in der Pariser Metro.
Funktional: die Bestuhlung in der Pariser Metro. FOTO: Getty Images/ iStockphoto / adisa