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Liselotte Pulver
Die Frau mit dem legendären Lachen wird 90

 2018 in Berlin: Liselotte Pulver freut sich bei der Verleihung des Medienpreises Bambi über die Auszeichnung für ihr Lebenswerk.
2018 in Berlin: Liselotte Pulver freut sich bei der Verleihung des Medienpreises Bambi über die Auszeichnung für ihr Lebenswerk. FOTO: dpa / Soeren Stache
Frankfurt. Liselotte Pulver brillierte in vielen Filmen der Nachkriegszeit und war die beliebteste Schauspielerin der 50er und 60er Jahre. epd

Sie rede immer so, als ob sie gleich loslachen könnte, sagte Liselotte Pulver einmal. Das vergnügte Lachen, das man aus ihren Filmen kennt, ob „Das Wirtshaus im Spessart“ oder „Die Zürcher Verlobung“, ist Pulvers Markenzeichen. „Lilo“, wie ihre Fans sie nennen, war eine der beliebtesten Darstellerinnen im deutschen Kino der 50er und 60er Jahre. Und wer Anfang der 80er Kind war, kennt sie aus der „Sesamstraße“. Am Freitag wird sie 90 Jahre alt.

Sie wird in der Schweiz geboren, 1929 in Bern, als drittes Kind des Ingenieurs Fritz Pulver und seiner Ehefrau Germaine. Nach dem Besuch der Handelsschule beschließt sie, Schauspielerin zu werden, nimmt Unterricht. Sie spielt Theater und steht bald vor der Kamera, so in Rolf Hansens Bergdrama „Föhn“ (1950) mit Hans Albers und Adrian Hoven.

Pulver hat ein gewisses Etwas – frech, ein Hauch verführerisch, gepaart mit Neugier und Engagement. Und sie stattet ihre Figuren gern mit einem leichten Hang zur Aufmüpfigkeit und Unordnung aus. Etwa in Alfred Weidenmanns Komödie „Ich und Du“ (1953). Hier zofft sie sich sie sich mit Hardy Krüger als Ehemann bis hin zum unvermeidlichen Happy End. In „Die Zürcher Verlobung“ (1957) von Helmut Käutner muss sie sich zwischen zwei damaligen Topstars entscheiden, Paul Hubschmid und Bernhard Wicki.



Ein sicheres Gespür für Pulvers Talent zur Komik beweist der Regisseur Kurt Hoffmann, der die junge Darstellerin in „Ich denke oft an Piroschka“ (1955) einsetzt, einer in Ungarn angesiedelten Liebeskomödie. Pulver ist ein deutsch radebrechendes Provinzmädchen, in das sich der Schriftsteller Andreas verliebt, gespielt von Gunnar Möller. Die Rolle der Piroschka bringt Lilo Pulver den Durchbruch. Zehn Filme drehen Hoffmann und Pulver miteinander, allesamt Komödien.

„Mach Dir einen schönen Abend, geh ins Kino“, hieß in den 50ern ein Slogan – es ging um Ablenkung vom Alltag der Nachkriegsjahre. Pulver liebt Hosenrollen, etwa im „Wirtshaus im Spessart“ (1957), wo sie sich als Handwerksbursche verkleidet. Der Film war so erfolgreich, dass zwei Fortsetzungen entstanden, 1960 „Das Spukschloss im Spessart“ und 1967 „Herrliche Zeiten im Spessart“.

1960 dreht Billy Wilder die Kalter-Krieg-Satire „Eins, zwei, drei“. Pulver ist hinreißend als Karikatur einer blonden Sekretärin, „Fräulein Ingeborg“, die im schwarz-weiß gepunkteten Kleid barfuß auf einem Tisch tanzt. Doch vor dem Kinostart wurde die Berliner Mauer gebaut. Da war keinem mehr zum Lachen zumute, und der Film floppte zunächst. Heute ist „Eins, zwei, drei“ längst ein Kultfilm. „Bis heute einer meiner besten Filme. Obwohl ich nur eine Nebenrolle gespielt habe“, erinnerte sich Pulver später.

Als ihr 1959 eine Rolle in „Ben Hur“ angeboten wird und bald darauf in „El Cid“, muss sie ablehnen: Pulver scheitert an vertraglichen Verpflichtungen im deutschen Kino. Pulver: „Das waren absolute Keulenschläge.“

Noch 1958 hatte sie für Hollywood-Regisseur Douglas Sirk in „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ vor der Kamera gestanden, eine tragische Liebesgeschichte im Zweiten Weltkrieg. In Jacques Rivettes Drama „Die Nonne“ (1965) mit Nouvelle-Vague-Star Anna Karina beweist Pulver in der anspruchsvollen Rolle als lesbische Oberin eines Klosters ihr Talent zur Tragik.

Bei den Dreharbeiten zu „Gustav Adolfs Page“, einer weiteren Hosenrolle, begegnet Pulver 1960 die große Liebe: Helmut Schmid, Schauspielerkollege und Theaterregisseur. Die beiden heiraten, zwei Kinder werden geboren, Marc-Tell und Mélisande.

Doch 1989 stürzt sich Pulvers drogenabhängige Tochter vom Berner Münster in den Tod. Drei Jahre später stirbt Helmut Schmid. Lilo Pulver schreibt die Autobiografie „… wenn man trotzdem lacht. Tagebuch meines Lebens“ (1993). Heute lebt die Schauspielerin in Bern in einer Seniorenresidenz. Vor der Kamera zu stehen ist ihr längst zu mühsam und „einfach zu viel Arbeit“.

Ende der 60er Jahre war Pulvers große Kino-Zeit vorbei. Sie spielte Theater, trat im Fernsehen auf. Zwischen 1978 und 1985 war sie die „Lilo“ in der deutschen Rahmenhandlung der „Sesamstraße“.

Populär ist sie bis heute: 2011 bekam sie einen Stern auf dem Berliner „Boulevard der Stars“, 2018 einen „Bambi“ für ihr Lebenswerk. Und zum 90. Geburtstag ist ein Buch mit Lebenserinnerungen erschienen: „Was vergeht, ist nicht verloren“.

 Der Schweizer Schauspieler Carlos Thompson als Räuberhauptmann mit seiner Landsmännin Liselotte Pulver in „Das Wirtshaus im Spessart“ (1958).
Der Schweizer Schauspieler Carlos Thompson als Räuberhauptmann mit seiner Landsmännin Liselotte Pulver in „Das Wirtshaus im Spessart“ (1958). FOTO: dpa / Heinz-Jürgen Göttert